Die Chroniken von Gotara
Seid gegrüßt, meine geschätzten Leser, Zuhörer und Freunde der Geschichte.
Mein Name ist Andela von Sturmfels. Einst war ich nichts weiter als eine wissbegierige Abenteurerin, die durch die Länder Gotaras zog – stets auf der Suche nach den Spuren vergangener Zeitalter, verborgen in den Ruinen vergessener Reiche, in den Liedern alter Völker und in den Mythen, die von Generation zu Generation weitergetragen wurden.
Viele Jahre bereiste ich die Reiche unserer Welt, die freien Städte, die Tiefen alter Zwergenhallen und selbst jene Orte, deren Namen kaum noch ausgesprochen werden. Ich lauschte Gelehrten und Scharlatanen, Priestern und Bettlern, Königen und einfachen Bauern. Denn oft liegt Wahrheit nicht allein in großen Hallen aus Marmor verborgen, sondern ebenso am Feuer eines einsamen Wanderers.
Doch kein Sterblicher entkommt dem Zahn der Zeit.
Als meine Beine schwerer wurden und meine Hände nicht länger die Kraft besaßen, wochenlang über alte Pfade zu reisen, legte ich den Wanderstab nieder. Statt jedoch dem Müßiggang zu verfallen, begann ich damit, meine Erkenntnisse niederzuschreiben. Was zunächst als Sammlung ungeordneter Notizen begann, wuchs über die Jahre zu Chroniken, Kompendien und Abhandlungen heran, die heute selbst unter Gelehrten der Eldari Beachtung finden.
Doch bevor ihr meine Worte lest, sollt ihr eines verstehen:
Geschichte ist niemals frei von Perspektive!
Jede Chronik wird von jenen geprägt, die sie verfassen. Ihre Werte, ihre Ängste, ihre Hoffnungen und ihre Herkunft fließen unausweichlich in ihre Schriften ein. Auch ich bilde dabei keine Ausnahme. Ich betrachte die Welt mit den Augen einer menschlichen Frau aus dem imperialen Kaiserreich – geprägt von den Lehren meiner Heimat, meinen Erfahrungen und meinen eigenen Irrtümern.
Und vielleicht liegt gerade darin die größte Wahrheit der Geschichte:
Dass sie niemals vollkommen abgeschlossen ist.
Neue Entdeckungen erschüttern alte Gewissheiten. Verlorene Fragmente verändern ganze Zeitalter. Was heute als unumstößlich gilt, mag morgen bereits widerlegt werden.
Selbst nach all den Jahren bleiben Fragen offen, auf die ich keine Antwort fand. Welche Wahrheiten liegen noch verborgen? Welche Irrtümer habe ich selbst weitergetragen? Welche Geheimnisse warten noch immer darauf, ans Licht gebracht zu werden?
Diese Fragen treiben mich bis heute an.
Und genau deshalb hielt ich es für notwendig, dieses Werk zu vollenden.
Die Chroniken von Gotara sollen nicht bloß eine Sammlung alter Ereignisse sein. Sie sollen eine Reise durch die Vergangenheit unserer Welt darstellen – durch Zeiten voller Wunder, Untergänge, Helden, Schrecken und vergessener Wahrheiten.
Wenn meine Worte eines erreichen sollen, dann dies:
Dass ihr beginnt, Gotara mit anderen Augen zu betrachten.
Denn wer die Vergangenheit versteht, erkennt oft erst, weshalb die Gegenwart geworden ist, wie sie heute erscheint.
So lade ich euch nun ein:
Öffnet mit mir die Tore der Geschichte und blickt zurück auf die Zeitalter Gotaras.
Mögen euch diese Chroniken lehren, zum Staunen bringen und vielleicht sogar dazu inspirieren, selbst nach Antworten zu suchen.
Bevor die ersten Sterne am Firmament brannten, bevor Wind über die Ebenen strich oder Wasser die Küsten Gotaras formte, existierte nichts. Keine Himmel spannten sich über die Leere, keine Flammen spendeten Wärme und kein Laut durchschnitt die vollkommene Abwesenheit allen Seins. Selbst die Zeit war noch ungeboren.
Für uns Sterbliche ist ein solcher Zustand kaum zu begreifen, denn unser Geist sucht stets nach Anfang und Ende, nach Ursache und Wirkung, nach Raum, Richtung und Ordnung. Doch die ältesten Überlieferungen vieler Völker stimmen in einem Punkt überein: Es gab einst einen Zustand vollkommener Leere. Nicht Dunkelheit, denn selbst Dunkelheit setzt bereits Existenz voraus. Nicht Stille, denn ohne Kosmos konnte nichts existieren, das still gewesen wäre. Es war die völlige Abwesenheit aller Dinge.
Wie lange dieser Zustand andauerte, vermag niemand zu sagen. War es eine Ewigkeit? Oder nur ein einzelner Augenblick? Solche Fragen verlieren ihren Sinn, wenn selbst die Zeit noch nicht geboren wurde. Vielleicht gab es damals weder Dauer noch Veränderung. Vielleicht existierten selbst diese Begriffe noch nicht. Und doch geschah etwas. Aus der Leere selbst erhob sich das erste Werden.
Die ältesten Gelehrten der bekannten Welt beschreiben diesen Moment auf unterschiedlichste Weise. Manche sprechen von einem Erwachen, andere von einem Riss im Nichts oder vom ersten Gedanken, der jemals existierte. Wieder andere behaupten, Sterbliche könnten die Wahrheit dieses Ursprungs niemals vollständig begreifen, da unser Verstand innerhalb der Gesetze der Existenz geboren wurde und nicht außerhalb von ihr.
Was auch immer sich damals ereignete – aus dem Nichts traten Ordnung und Chaos hervor. Nicht als bloße Kräfte, sondern als die ersten Prinzipien der Existenz selbst. Mit ihrem Erwachen begann der erste Wandel, und aus diesem Wandel entstand schließlich alles, was wir heute kennen: die Sphären, die Sterne, die Götter und letztlich auch die Welt Gotaras.
Viele Philosophen und Theologen streiten bis heute darüber, ob Ordnung und Chaos jemals wirkliche Gegensätze gewesen sind. Einige vertreten die Ansicht, beide seien voneinander abhängig wie Licht und Schatten. Andere sehen in ihnen unvereinbare Prinzipien, deren ewiger Widerstreit erst Bewegung und Veränderung ermöglichte. Besonders Gelehrte Itharions widmeten ihr Leben dieser Frage, ohne jemals zu einer endgültigen Antwort zu gelangen.
Ich selbst habe im Laufe meiner Reisen gelernt, dass die ältesten Wahrheiten selten einfach sind. Je weiter man in die Vergangenheit zurückblickt, desto stärker verschwimmen Gewissheiten zu Legenden und Legenden wiederum zu etwas, das sich kaum noch in Worte fassen lässt. Viele Fragmente widersprechen einander. Alte Schriften sind beschädigt oder unvollständig. Manche Erkenntnisse beruhen auf mündlichen Überlieferungen, die über Jahrtausende hinweg verändert wurden. Und dennoch erkennt man in all diesen Geschichten gemeinsame Muster – als würde hinter den zahllosen Versionen eine verborgene Wahrheit liegen, deren vollständige Gestalt längst verloren gegangen ist.
Genau deshalb sollen diese Chroniken nicht den Anspruch erheben, unumstößliche Wahrheiten zu verkünden. Vielmehr verstehe ich dieses Werk als den Versuch, verstreute Fragmente zusammenzutragen und die Spuren jener Zeitalter sichtbar zu machen, die lange vor den ersten Reichen, lange vor den ersten Völkern und sogar vor den Göttern selbst existierten.
So beginnt unsere Reise durch die Vergangenheit Gotaras. Nicht mit Königen oder Kriegen, nicht mit Helden oder untergegangenen Reichen, sondern mit der Leere vor aller Schöpfung – jener unfassbaren Zeit vor der Zeit, aus der letztlich alles hervorging, was heute existiert.
Die Schöpfung unserer Welt Gotara ist ein Mysterium, das selbst die klügsten Gelehrten und die ältesten Wesenheiten niemals vollständig begreifen konnten. Was wir über jene frühen Zeitalter zu wissen glauben, stammt aus Fragmenten vergessener Überlieferungen, aus widersprüchlichen Legenden und aus Deutungen uralter Zeichen, deren wahrer Ursprung längst verloren gegangen sein mag.
Das Erste Zeitalter entzieht sich unserem Verständnis mehr als jede andere Epoche der Geschichte. Es ist kein Zeitalter von Königen, Reichen oder bekannten Völkern, sondern eine ferne Ära kosmischer Kräfte, unfassbarer Wandlungen und noch ungeformter Existenz. Vieles, was damals geschah, widerspricht den Gesetzen und Vorstellungen unserer heutigen Welt, weshalb selbst die Sprache oft nicht ausreicht, um jene Ereignisse angemessen zu beschreiben.
Oft erscheint mir das Erste Zeitalter wie ein gewaltiges Gemälde, das über unzählige Jahrtausende hinweg verblasst ist. Manche Konturen sind noch erkennbar, andere nur zu erahnen, während ganze Teile unwiederbringlich verloren scheinen. Und doch lassen sich zwischen all den Brüchen und Leerstellen Muster erkennen – Spuren eines größeren Zusammenhangs, dessen vollständige Wahrheit vermutlich niemals ans Licht gelangen wird.
Gerade diese Ungewissheit macht die Ursprünge unserer Welt jedoch so faszinierend. Denn wo endgültige Antworten fehlen, beginnt die Suche nach Erkenntnis. Jede Überlieferung, jede Ruine und jedes uralte Fragment kann ein weiterer Schritt sein, um das Verständnis jener ersten Tage der Existenz zu erweitern.
So wage ich nun den Versuch, die ältesten bekannten Ursprünge Gotaras zusammenzutragen – wohlwissend, dass selbst die sorgfältigste Chronik am Ende nur ein Schatten jener Wahrheit bleiben wird, die einst den Beginn aller Dinge formte.
Geheimnisvoll, mysteriös, obskur und vage
Wie beschreibt man etwas, das noch nicht existierte? Wie spricht man von einer Wirklichkeit ohne Zeit, wenn selbst der Begriff eines „Davor“ oder „Danach“ bedeutungslos gewesen sein muss?
Schon diese Fragen führen uns an die Grenzen unseres Verstandes. Denn alles, was wir Sterblichen begreifen, geschieht innerhalb fester Regeln. Wir denken in Abläufen, in Ursachen und Folgen, in Anfang und Ende. Das Erste Zeitalter jedoch entzieht sich all diesen Vorstellungen. Es war eine Existenz vor der Ordnung unserer Wirklichkeit – eine Epoche, in der selbst die Grundprinzipien des Seins womöglich noch ungeformt waren.
Selbst ich, die viele Jahre ihres Lebens damit verbrachte, alte Ruinen zu erforschen, vergessene Überlieferungen zusammenzutragen und mit Gelehrten unterschiedlichster Kulturen zu sprechen, kann jene Zeit nur in Bruchstücken wiedergeben. Zu vieles ging verloren. Zu vieles widerspricht sich. Und manches scheint sich jeder Beschreibung vollständig zu entziehen.
Was uns aus jener fernen Vergangenheit blieb, gleicht weniger einer vollständigen Chronik als vielmehr den Scherben eines zerbrochenen Spiegels. Jede Kultur bewahrt einzelne Fragmente der Wahrheit, doch keine besitzt das gesamte Bild. Manche Überlieferungen sprechen von reiner Leere, andere von schlafenden Kräften oder namenlosen Gedanken, die bereits vor aller Existenz bestanden haben sollen. Ob eine dieser Deutungen wahr ist, vermag niemand mit Gewissheit zu sagen.
Gerade darin liegt die Schwierigkeit dieser frühen Zeitalter: Unsere Sprache wurde für eine Welt geschaffen, die bereits existiert. Worte wie Raum, Zeit, Licht, Bewegung oder Leben setzen Regeln voraus, die damals vielleicht noch gar nicht bestanden. Wie also sollen Sterbliche etwas beschreiben, das außerhalb aller bekannten Gesetzmäßigkeiten lag?
So bleiben uns oftmals nur Annäherungen – Vergleiche, Bilder und Begriffe, die versuchen, etwas zu erklären, das sich vielleicht niemals vollständig erklären lässt. Und dennoch halte ich es für wichtig, diese Fragmente zusammenzutragen. Denn selbst unvollständige Erkenntnisse erlauben uns manchmal einen kurzen Blick auf die ältesten Ursprünge unserer Existenz.
Der Ursprung aller Existenz
Aus der uranfänglichen Leere entstand irgendwann das erste Urprinzip: Yazaliel. Weder männlich noch weiblich, weder Ordnung noch Chaos allein, sondern beides zugleich. In den ältesten Fragmenten wird Yazaliel nicht als Wesen im herkömmlichen Sinne beschrieben, sondern vielmehr als der Ursprung aller Möglichkeiten – als jener erste Zustand, aus dem später alles hervorgehen sollte.
Yazaliel vereinte Gegensätze in sich, ohne dass diese einander widersprachen. Ordnung und Chaos existierten noch nicht als getrennte Kräfte, sondern als Teile eines gemeinsamen Ganzen. Vielleicht war Yazaliel deshalb vollständig. Vielleicht aber lag genau darin auch die erste Form von Einsamkeit.
Denn viele Überlieferungen berichten davon, dass Yazaliel eine unvorstellbare Ewigkeit allein innerhalb der Leere existierte. Wie lange dieser Zustand andauerte, vermag niemand zu sagen. Erst irgendwann soll Yazaliel beschlossen haben, sich selbst zu teilen, um nicht länger allein zu sein.
Aus dieser Teilung gingen zwei neue Urprinzipien hervor: Nahaliel – die Ordnung – und Semyaza – das Chaos. Mit ihrer Entstehung begann zugleich die erste bekannte Wechselwirkung eigenständiger Kräfte innerhalb der Existenz.
Nahaliel strebte nach Struktur, Beständigkeit und Kontrolle, während Semyaza Veränderung, Bewegung und ungebundene Möglichkeiten verkörperte. Gegensätze, die einander widersprachen und zugleich voneinander abhängig waren. Zwischen beiden entstand der erste Konflikt – ein Widerstreit, der sich scheinbar über unermessliche Zeiträume hinweg erstreckte.
Und doch berichten manche Überlieferungen davon, dass Nahaliel und Semyaza trotz aller Gegensätze froh darüber gewesen seien, nicht allein zu existieren. Denn selbst im Streit erkannten beide im jeweils anderen das einzige Wesen, das ihnen wirklich ebenbürtig war.
Mit der Zeit jedoch wuchs der Konflikt zwischen Ordnung und Chaos so stark an, dass beide erkannten, dass ihr Streit irgendwann alles zu verschlingen drohte. So beschlossen sie schließlich, einen Teil ihrer selbst aufzugeben – ähnlich jener Teilung, aus der sie einst selbst hervorgegangen waren.
Nahaliel und Semyaza gaben jeweils ein Drittel ihrer eigenen Essenz und formten daraus ein drittes Urprinzip: Unoriel – die Neutralität.
Mit der Entstehung Unoriels erschien erstmals etwas, das zwischen Ordnung und Chaos vermitteln konnte. Die Konflikte verschwanden dadurch nicht, doch sie wurden begrenzt. Wo zuvor nur Gegensätze aufeinanderprallten, existierte nun ein Schlichter zwischen den Kräften.
Für lange Zeit schien dies auszureichen.
Doch selbst Unoriel vermochte den wachsenden Konflikt seiner beiden Geschwister irgendwann nicht länger vollständig einzudämmen. Der Streit zwischen Nahaliel und Semyaza eskalierte schließlich zu einer gewaltigen Auseinandersetzung, deren Ausmaß jede Vorstellung überstieg. Die ältesten Überlieferungen sprechen von einer Detonation aus ungebändigter Energie, die selbst die Leere erschütterte.
Als diese Entladung endete, regte sich Unoriel nicht mehr.
Nahaliel und Semyaza kannten keinen Tod, keinen Verfall und keine Ohnmacht. Einen solchen Zustand hatten sie niemals zuvor erlebt. So warteten sie zunächst ab, ohne zu verstehen, was geschehen war. Erst als keine Veränderung eintrat, beschlossen beide erneut, Teile ihrer eigenen Essenz zu opfern, um Unoriel zurückzubringen.
Doch Unoriel war nicht vernichtet worden.
Während der Auseinandersetzung hatte er erkannt, dass wahre Schlichtung unmöglich blieb, solange alle drei Urprinzipien gleich mächtig waren. So verharrte er regungslos und wartete darauf, wie seine Geschwister handeln würden. Nicht aus Gier oder Täuschung, sondern aus der Erkenntnis heraus, dass seine Aufgabe eine höhere Stellung erforderte, wenn die Existenz künftig Bestand haben sollte.
Und tatsächlich geschah genau das.
Als Nahaliel und Semyaza erneut Teile ihrer selbst opferten, um Unoriel zu stärken, verschob sich erstmals das Gleichgewicht der Urprinzipien. Von diesem Zeitpunkt an war Unoriel das mächtigste der drei Prinzipien und dadurch erstmals in der Lage, seinen Geschwistern Einhalt zu gebieten, sollte ihr Konflikt erneut außer Kontrolle geraten.
Bemerkenswert ist dabei, dass Nahaliel und Semyaza diese Veränderung nicht ablehnten. Vielmehr erkannten beide offenbar, dass ihre Gegensätze ohne eine höhere Instanz früher oder später alles zerstört hätten – vielleicht sogar sich selbst.
Viele Gelehrte sehen hierin den ersten Beweis dafür, dass selbst Ordnung und Chaos Grenzen benötigen, um bestehen zu können.
Im Zusammenhang mit jener gewaltigen Detonation erwähnen mehrere alte Überlieferungen außerdem ein weiteres Ereignis von enormer Bedeutung: Während des Konflikts sollen unzählige winzige Fragmente der Essenz von Nahaliel, Semyaza und Unoriel abgespalten und in der Leere verstreut worden sein. Diese Fragmente werden in manchen Schriften als die „Krumen der Existenz“ bezeichnet.
Den Urprinzipien selbst erschienen diese winzigen Bruchstücke vermutlich bedeutungslos. Für die spätere Geschichte Gotaras jedoch sollten gerade sie von entscheidender Bedeutung werden.
Nachdem das Gleichgewicht zwischen den Urprinzipien neu geordnet worden war, begannen Yazaliels Erben schließlich gemeinsam an etwas zu wirken, das später zum Fundament unserer Existenz werden sollte: dem Kosmos selbst.
Beginn der Schöpfung
Die Schöpfung der Existenz erfolgte nicht plötzlich und auch nicht in vollkommener Harmonie. Als die Urprinzipien damit begannen, den Kosmos zu formen, trafen unzählige Gegensätze aufeinander, die miteinander rangen und sich gegenseitig verdrängen wollten.
Licht kämpfte gegen Dunkelheit.
Hitze gegen Kälte.
Stillstand gegen Bewegung.
Hartes gegen Weiches.
Vieles von dem, was wir heute als selbstverständlich betrachten, musste sich erst behaupten. Manche Kräfte verschwanden wieder, andere gingen ineinander auf, während wiederum neue Zustände entstanden, die zuvor niemals existiert hatten. Die frühen Phasen der Schöpfung waren daher weniger ein geordneter Aufbau als vielmehr ein gewaltiger Prozess widerstreitender Prinzipien.
Die ältesten Legenden beschreiben diese Zeit als eine Ära ständiger Veränderung, in der die Grundlagen der Existenz selbst noch formbar gewesen seien. Naturgesetze, wie wir sie heute kennen, existierten noch nicht in fester Form. Vieles befand sich im Wandel, als würde die Wirklichkeit selbst nach ihrer endgültigen Gestalt suchen.
Erst nach unermesslich langen Zeiträumen begannen sich bestimmte Prinzipien dauerhaft durchzusetzen und ihren Platz innerhalb der Existenz einzunehmen. Aus diesem langsamen Prozess entstanden schließlich jene Grundstrukturen, auf denen unsere Wirklichkeit bis heute beruht.
Zu den bedeutendsten Entwicklungen jener frühen Schöpfungsphase gehörte die Entstehung des linearen Zeitflusses. Zeit erhielt eine feste Richtung und wurde unwiderruflich. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft trennten sich voneinander und machten Wandel, Erinnerung und Entwicklung überhaupt erst möglich.
Ebenso entscheidend war die Trennung der Elemente. Feuer, Wasser, Erde, Luft und selbst die Magie begannen eigene Grenzen und Eigenschaften auszubilden. Aus zuvor ungebundenen Kräften wurden eigenständige Grundsätze mit festen Rollen innerhalb der Schöpfung.
Auch das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit stabilisierte sich während dieser Zeit. Keine der beiden Kräfte vermochte die andere vollständig zu verdrängen. Viele Gelehrte sehen darin bis heute eines der grundlegendsten Gesetze der Existenz: dass keine Kraft dauerhaft allein herrschen darf, ohne das Gleichgewicht der Welt zu gefährden.
Von ähnlich großer Bedeutung war die Festigung des Raumes selbst. Innen und Außen, Nähe und Ferne, Grenzen und Übergänge entwickelten erstmals Beständigkeit. Räume wurden zu eigenständigen Bereichen mit klaren Begrenzungen, wodurch stabile Existenz überhaupt erst möglich wurde.
All diese Entwicklungen geschahen nicht gleichzeitig und vermutlich auch nicht geplant. Vielmehr scheint die frühe Schöpfung ein fortwährender Prozess aus Konflikt, Anpassung und Stabilisierung gewesen zu sein. Erst allmählich entstand aus den widerstreitenden Kräften jener Kosmos, dessen Gesetze bis heute die Grundlage unserer Welt bilden.
Erste Sphäre: Die Naturgesetze
Mit der fortschreitenden Schöpfung erkannte Unoriel schließlich, dass die Existenz ohne feste Regeln niemals Bestand haben würde. Solange die Kräfte des Kosmos ungeordnet aufeinandertrafen, blieb die Wirklichkeit instabil und wandelbar. Ordnung und Chaos erschufen fortwährend neue Zustände, doch ohne klare Grenzen drohte die gesamte Schöpfung wieder in Bedeutungslosigkeit zu zerfallen.
So begann Unoriel damit, die ersten unumstößlichen Gesetze der Existenz festzulegen.
Zu diesen frühen Gesetzen gehörten die Grundlagen dessen, was wir heute als Naturgesetze bezeichnen: der lineare Fluss der Zeit, die Stabilität des Raumes, die Trennung grundlegender Kräfte sowie das Gleichgewicht zwischen widerstreitenden Prinzipien wie Licht und Dunkelheit. Vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, wurde erst in jener frühen Epoche verbindlich festgelegt.
Um diese Regeln dauerhaft zu bewahren, erschuf Unoriel einen besonderen Ort innerhalb der Existenz. Die heutigen Gelehrten bezeichnen ihn meist als die Erste Sphäre oder umgangssprachlich als das Sphärenherz. In den ältesten Überlieferungen wird dieser Ort nicht als Welt oder Reich beschrieben, sondern vielmehr als das Zentrum der kosmischen Ordnung selbst – ein Ort, an dem die fundamentalen Gesetze der Existenz verankert wurden.
Viele Legenden schildern das Sphärenherz als ein gewaltiges, pulsierendes Zentrum reinster Gleichmäßigkeit, dessen Licht selbst für die ersten unsterbliche Entitäten kaum zu ertragen gewesen sein soll. Ob diese Beschreibungen wörtlich zu verstehen sind oder lediglich symbolische Darstellungen sind, vermag heute niemand mit Gewissheit zu sagen. Doch nahezu alle Überlieferungen stimmen darin überein, dass das Sphärenherz von einer gewaltigen Barriere umgeben wurde.
Diese Mauer war keine materielle Konstruktion aus Stein oder Metall. Vielmehr scheint sie eine Manifestation der Naturgesetze selbst gewesen zu sein – eine Grenze aus reiner Ordnung, geschaffen, um die Stabilität der Existenz zu schützen. Manche Gelehrte vertreten sogar die Ansicht, dass die Mauer nicht bloß ein Hindernis darstellte, sondern die Gesetze selbst verkörperte.
Berichte aus späteren Zeitaltern behaupten, jede unrechtmäßige Annäherung an diese Grenze führe nicht zu Verletzung oder Zerstörung im gewöhnlichen Sinne, sondern zur vollständigen Tilgung aus der Existenz. Nicht der Körper allein würde vergehen, sondern selbst die Spuren des Betroffenen könnten ausgelöscht werden, als hätte er niemals existiert.
Ob diese Darstellungen übertrieben sind oder auf tatsächlichen Ereignissen beruhen, lässt sich heute kaum noch überprüfen. Doch eines wird aus nahezu allen Überlieferungen deutlich: Schon in den frühesten Tagen der Schöpfung betrachtete Unoriel die Stabilität der Existenz als etwas, das um jeden Preis bewahrt werden musste.
Zweite Sphäre: Die Elementarsphäre
Nachdem die grundlegenden Naturgesetze im Sphärenherz verankert worden waren, erkannte Unoriel, dass auch die elementaren Kräfte der Existenz einen festen Aufbau benötigten. Feuer, Wasser, Luft, Erde, Magie und weitere Urkräfte befanden sich noch immer in ständigem Wandel und drohten vielerorts ineinander überzugehen oder ihre eigenen Grenzen zu verlieren.
Um dieses Gleichgewicht zu sichern, erschuf Unoriel die Zweite Sphäre: die Elementarsphäre.
Sie war nicht allein ein Ort der Elemente, sondern zugleich ein Gefüge, das ihre Eigenschaften stabilisierte und voneinander abgrenzte. Erst durch diese Ordnung erhielten die Elemente jene festen Rollen, die sie bis heute innerhalb der Existenz einnehmen. Feuer blieb Feuer, Wasser blieb Wasser, und selbst die Magie begann, sich nach bestimmten Regeln zu entfalten.
Wie bereits das Sphärenherz wurde auch die Elementarsphäre durch eine gewaltige metaphysische Barriere geschützt. Diese zweite Mauer ähnelte jener der Ersten Sphäre, war jedoch weniger auf die Bewahrung der Naturgesetze ausgerichtet als vielmehr auf die Stabilität der elementaren Kräfte. Sie schützte die Sphäre vor äußeren Einflüssen ebenso wie vor unkontrollierten Veränderungen aus ihrem Inneren heraus.
Die Elementarsphäre darf man sich jedoch keineswegs als einen einzelnen Ort vorstellen. Nach allem, was heutige Gelehrte rekonstruieren konnten, besteht sie vielmehr aus zahllosen Schichten und Ebenen, die jeweils von bestimmten Elementen oder elementaren Zuständen geprägt sind. Manche dieser Ebenen sind klar voneinander getrennt, andere gehen fließend ineinander über.
Besonders häufig erwähnen alte Schriften die sogenannte Astralebene – eine Schicht pulsierender Energie, die weniger wie ein gewöhnlicher Ort als vielmehr wie ein lebendiger Strom roher Macht beschrieben wird. Viele Magietheoretiker vermuten bis heute, dass sämtliche arkane Kräfte unserer Welt letztlich auf diese Ebene zurückzuführen sind.
Zwischen den einzelnen Schichten der Elementarsphäre existieren zudem sogenannte Übergangsbereiche. Dort treffen unterschiedliche Elemente unmittelbar aufeinander und beeinflussen sich gegenseitig. Diese Regionen gelten gleichermaßen als wunderschön wie gefährlich. Alte Reiseberichte sprechen von Meeren aus flüssigem Feuer, über denen eisige Nebel schwebten, oder von gewaltigen Steinlandschaften, die von Stürmen aus reiner Magie durchzogen wurden.
Neben den eigentlichen Ebenen erwähnen manche Überlieferungen außerdem sogenannte Überläufer – instabile Randbereiche der Elementarsphäre, die wie Ausläufer oder Außenbezirke wirkten. Über ihre wahre Natur wird bis heute gestritten. Einige glauben, sie seien Übergänge zu den Feenwelten oder anderen fremdartigen Realitäten. Andere vertreten sogar die Ansicht, dass manche Feenreiche ursprünglich aus solchen Überläufern hervorgegangen sein könnten.
Sicher scheint lediglich, dass diese Regionen den gewöhnlichen Gesetzen der Wirklichkeit oft nur eingeschränkt folgen. Berichte über Reisende, die dort Zeit, Entfernung oder sogar ihre eigene Gestalt verloren haben sollen, finden sich in zahlreichen alten Aufzeichnungen. Ob all diese Geschichten der Wahrheit entsprechen, vermag ich nicht zu beurteilen. Persönlich hatte ich nie das Bedürfnis, eine solche Reise selbst zu wagen, noch die entsprechende Befähigung dafür.
Unabhängig davon bleibt die Bedeutung der Elementarsphäre kaum zu überschätzen. Die Wechselwirkungen ihrer Kräfte prägen Gotara bis heute – von den Landschaften und Klimazonen bis hin zu den Lebenszyklen aller später entstandenen Wesen. Ohne die Stabilität der Elemente wäre die Welt niemals zu jener Form gelangt, die wir heute kennen.
Die Geburt unsterblicher Entitäten
An dieser Stelle müssen wir uns erneut den sogenannten „Krumen der Existenz“ zuwenden. Ihr erinnert euch gewiss daran, dass während der gewaltigen Auseinandersetzung zwischen den Urprinzipien unzählige Fragmente ihrer Essenz abgespalten und in der Leere verstreut wurden.
Lange Zeit hielten viele Gelehrte diese Überlieferungen lediglich für symbolische Darstellungen kosmischer Veränderungen. Während meiner Reisen stieß ich jedoch auf mehrere ungewöhnlich alte Mythen, Legenden und Aufzeichnungen, deren Inhalte erstaunlich gut miteinander übereinstimmten. Sie berichten davon, dass aus den größeren dieser Bruchstücke sogenannte Energiereservas entstanden seien – gewaltige Ansammlungen ursprünglicher Macht, verteilt im gesamten Kosmos und selbst in den Leeren jenseits der bekannten Sphären.
Die kleineren Fragmente hingegen entwickelten offenbar ein eigenes Bewusstsein.
So entstanden die ersten unsterblichen Entitäten.
Zu jener Zeit besaßen sie weder feste Gestalten noch klare Grenzen ihrer Existenz. Begriffe wie Alter, Verfall oder Tod existierten noch nicht in der Form, wie wir sie heute verstehen. Jede dieser Entitäten entwickelte ihre eigene Natur, ihre eigenen Neigungen und oftmals auch eine selbstgewählte Aufgabe innerhalb der jungen Schöpfung.
Manche verbanden sich mit den Elementen selbst. Andere fühlten sich zu abstrakteren Prinzipien hingezogen – zu Liebe, Hass, Wandel, Kampf, Erinnerung oder zahllosen weiteren Aspekten, die später tief in der Welt verwurzelt sein sollten. Viele dieser Entitäten begannen daraufhin, innerhalb des bereits geschaffenen Kosmos zu wirken und die junge Existenz nach ihren Vorstellungen zu formen.
Dabei handelten sie keineswegs immer gemeinsam.
Einige erschufen in Harmonie, andere gerieten in Konflikt miteinander. Manche veränderten Landschaften, andere griffen in elementare Prozesse ein oder formten Regionen, deren Spuren sich angeblich bis heute erkennen lassen. In den frühesten Phasen des Kosmos scheinen die Grenzen der Naturgesetze noch weit formbarer gewesen zu sein als in späteren Zeitaltern.
Die Urprinzipien selbst nahmen die Existenz dieser neuen Wesen offenbar wahr, schenkten ihnen jedoch zunächst nur wenig Aufmerksamkeit. Ihr Blick war auf die gesamte Schöpfung gerichtet, nicht auf einzelne Entitäten oder Erscheinungen. Verglichen mit dem gewaltigen Gefüge des Kosmos dürfte selbst Gotara für sie kaum mehr gewesen sein als ein einzelner Funke innerhalb unendlicher Dunkelheit.
Und dennoch hinterließen diese frühen Entitäten Spuren, die bis in die Legenden der Sterblichen hineinreichen.
Viele Mythen unserer Völker könnten ihren Ursprung in jenen frühen Wesenheiten haben. Geschichten über lebende Wälder, denkende Meere oder Giganten, deren Körper zu Gebirgen wurden, erscheinen aus heutiger Sicht oftmals wie poetische Übertreibungen. Doch möglicherweise enthalten gerade diese Erzählungen einen wahren Kern.
Denn zahlreiche Überlieferungen berichten davon, dass manche Entitäten zeitweise mit Flüssen, Bergen, Wäldern oder anderen Teilen der Schöpfung verschmolzen und diese dadurch veränderten oder beseelten. Für sie schien die Grenze zwischen Wesen und Umwelt weit weniger einschränkend gewesen zu sein als für uns heutige Sterbliche.
Sterbliche selbst spielten für diese Entitäten kaum eine Rolle – nicht zuletzt deshalb, weil es im Ersten Zeitalter noch keinerlei Leben im heutigen Sinne gab. Keine Tiere, keine Pflanzen, keine Insekten und keine Kultur schaffenden Völker bevölkerten damals die Welt. Die späteren Zeitalter des Lebens lagen noch in weiter Ferne.
Wenn wir heute über diese Wesen sprechen, bezeichnen wir sie meist als Götter. Für jene frühe Epoche halte ich diesen Begriff jedoch für unpassend. Die Entitäten des Ersten Zeitalters waren noch keine Götter im späteren Verständnis Gotaras. Sie besaßen weder ein geregeltes Pantheon noch feste Anhängerschaften oder göttliche Reiche. Viele von ihnen verstanden sich vermutlich selbst nicht einmal als Herrscher oder verehrungswürdige Wesen.
Sie waren vielmehr ursprüngliche Entitäten – rohe, unsterbliche Ausprägungen der Kräfte, aus denen irgendwann auch unsere Existenz hervorgegangen war.
Der Verstoß gegen Unoriels Gesetze
Mit der Zeit begannen einige der unsterblichen Entitäten jedoch, die Grenzen ihrer eigenen Macht auszutesten. Was zunächst als Neugier oder schöpferischer Ehrgeiz begonnen haben mag, entwickelte sich schließlich zu etwas weitaus Gefährlicherem.
Einige Entitäten überschritten die Sphärenwälle und begannen damit, direkt in die von Unoriel festgelegten Gesetze der Existenz einzugreifen.
Anfangs beschränkten sich diese Eingriffe offenbar auf kleinere Veränderungen physikalischer Abläufe oder elementarer Prozesse. Doch schon bald versuchten manche von ihnen, grundlegende Gesetzmäßigkeiten umzuschreiben. Besonders schwerwiegend war schließlich der Versuch, selbst die Regeln der Zeit zu verändern.
Damit überschritten sie eine Grenze, die selbst die Urprinzipien nicht hinnehmen konnten.
Zum ersten Mal seit Beginn der Schöpfung griffen Nahaliel, Semyaza und Unoriel gemeinsam gegen die unsterblichen Entitäten ein, da sie ihre gesamte Schöpfung in Gefahr sahen. Die ältesten Überlieferungen nennen dabei sieben Namen: Vaerokh, Elyndra, Brakthar, Naevira, Kaelthun, Aelmyra und Elarion.
Über die genauen Taten dieser Entitäten existieren nur widersprüchliche Berichte. Manche Quellen behaupten, sie hätten versucht, den Zeitfluss selbst neu zu ordnen. Andere sprechen davon, dass sie die Trennung der Sphären auflösen oder bestimmte Naturgesetze außer Kraft setzen wollten. Wieder andere vermuten, dass ihre eigentliche Schuld weniger in ihren Handlungen lag als vielmehr in ihrer Überzeugung, die Ordnung der Existenz nach eigenem Willen verändern zu dürfen.
Nahaliel und Semyaza verlangten offenbar die vollständige Vernichtung aller sieben Entitäten.
Unoriel jedoch widersprach.
Warum er dies tat, darüber streiten Gelehrte bis heute. Manche sehen darin den letzten Ausdruck von Neutralität. Andere glauben, Unoriel habe bereits damals erkannt, dass selbst Strafe einem höheren Zweck dienen müsse.
Am Ende wurden Vaerokh, Elyndra, Brakthar, Naevira, Kaelthun und Aelmyra unwiederbringlich ausgelöscht.
Elarion hingegen wurde verschont.
Dies geschah jedoch keineswegs aus Milde.
Stattdessen machten die Urprinzipien Elarion zu einem Mahnmal für alle übrigen Entitäten. Sein freier Wille und sein Handlungsspielraum wurden stark eingeschränkt, zugleich aber wurde seine Macht erheblich erweitert. Die Essenz der ausgelöschten Entitäten wurde ihm einverleibt, wodurch Elarion weit mächtiger wurde als zuvor.
Auch dies war keine Belohnung, sondern Teil seiner Strafe.
Unoriel bestimmte Elarion dazu, fortan über die Grenzen der Sphären zu wachen. Zu diesem Zweck wurden die bestehenden Barrieren zwischen den Sphären weiter verstärkt und neue metaphysische Wälle errichtet. Innerhalb des Kosmos durften sich die Entitäten weiterhin frei bewegen und wirken, doch das eigenmächtige Überschreiten der Sphärengrenzen wurde ihnen strikt untersagt.
Die Verantwortung für die Durchsetzung dieses Verbots lag von diesem Zeitpunkt an bei Elarion.
So wurde aus einer einst freien Entität der ewige Wächter der Sphären.
Bis heute gilt Elarion deshalb als untrennbar mit Grenzen, Übergängen und der Stabilität der Existenz verbunden. Viele Gelehrte sehen in seinem Schicksal eines der frühesten Beispiele dafür, wie eng Macht und Pflicht innerhalb der Schöpfung miteinander verknüpft sind.
Ebenso hinterließ dieses Ereignis einen bleibenden Eindruck auf alle späteren Entitäten. Die Strafen der Urprinzipien – insbesondere jene Unoriels – gelten seither als gefürchtet, und sein Zorn wurde zu einem Sinnbild absoluter Konsequenz.
Denn die Botschaft jener Bestrafung war unmissverständlich:
Die Gesetze der Existenz dürfen nicht gebrochen werden.
Dritte Sphäre: Der Kosmos
Mit der Vollstreckung des Urteils über Vaerokh, Elyndra, Brakthar, Naevira, Kaelthun, Aelmyra und Elarion festigte Unoriel die Ordnung der Schöpfung weiter. Um die bestehenden Grenzen dauerhaft zu sichern, erschuf er einen weiteren Wall um die Dritte Sphäre – jene Sphäre, die wir heute meist schlicht als den Kosmos bezeichnen.
Während die Erste Sphäre die Naturgesetze bewahrt und die Zweite Sphäre die Elemente ordnet, bildet der Kosmos den Raum der physischen Wirklichkeit. Hier nahmen die zuvor geschaffenen Gesetze und Elemente erstmals dauerhaft Gestalt an. Es ist die Sphäre der Veränderung, der Bewegung und der materiellen Existenz – jener Ort, an dem später Leben, Landschaften und schließlich auch die Kultur schaffenden Völker entstehen sollten.
Auch unsere Welt Gotara befindet sich innerhalb dieser Dritten Sphäre.
In ihrer frühen Form war sie jedoch kaum mit der heutigen Welt vergleichbar. Der junge Kosmos war ein Ort ständiger Wandlung, geprägt von extremen Gegensätzen und unberechenbarer Dynamik. Die Grenzen zwischen den Kräften der Elemente waren vielerorts noch instabil, wodurch Landschaften entstanden, die unserem heutigen Verständnis beinahe widersprechen.
Alte Überlieferungen berichten von fließenden Gletschern neben glühenden Wüsten, von Meeren aus kochendem Wasser unter ewig dunklen Himmeln oder von Gebirgen, die innerhalb weniger Jahrhunderte entstanden und wieder zerfielen. Viele dieser Darstellungen mögen übertrieben wirken, doch nahezu alle Quellen beschreiben den frühen Kosmos als einen Raum fortwährender Veränderung.
Auch die Ordnung von Zeit und Klima unterschied sich stark von der heutigen Wirklichkeit. Jahreszeiten existierten noch nicht in fester Form. Statt regelmäßiger Zyklen bestimmten elementare Kräfte die Umweltbedingungen. Regionen konnten über lange Zeiträume hinweg unverändert bleiben, ehe sie plötzlich durch gewaltige Umwälzungen transformiert wurden.
Die Landmassen selbst befanden sich ebenfalls in ständiger Bewegung. Kontinente drifteten, zerbrachen oder verbanden sich erneut. Ganze Landschaften entstanden und verschwanden wieder, während die unsterblichen Entitäten weiterhin Einfluss auf die Form des jungen Kosmos nahmen.
Auf Grundlage der zuvor geschaffenen Naturgesetze und Elemente begannen diese Entitäten schließlich damit, Gotara gezielt zu formen. Land und Wasser trennten sich zunehmend voneinander, wodurch erste stabile geographische Strukturen entstanden. Die Himmelskörper – unsere Welt, die Sonne und die drei Monde – wurden in feste Bahnen gelenkt, und mit ihnen etablierte sich der Wechsel von Tag und Nacht.
Winde trugen Feuchtigkeit über die jungen Kontinente, Temperaturen begannen sich auszugleichen und erste einfache Formen natürlichen Wachstums entstanden. Noch war die Welt weit entfernt von jener Stabilität, die spätere Zeitalter prägen sollte, doch erstmals entwickelte sich eine erkennbare Ordnung innerhalb der materiellen Existenz.
Mit der Entstehung der Dritten Sphäre tauchten zudem erstmals jene Wesen auf, die wir als Feenwesen bezeichnen.
Über ihren Ursprung existieren zahlreiche Theorien. Manche Gelehrte vermuten, dass sie aus instabilen Übergangsbereichen der Elementarsphäre hervorgingen. Andere glauben, sie seien eigenständige Schöpfungen des Kosmos selbst. Sicher scheint lediglich, dass sie sich nur ungern den von Unoriel festgelegten Regeln unterordneten.
Die frühen Feenwesen waren keine kleinen oder harmlosen Kreaturen, wie spätere Märchen sie oft darstellen. Vielmehr handelte es sich um mächtige und fremdartige Wesenheiten, die weder sterblich noch unsterblich im herkömmlichen Sinne gewesen zu sein scheinen. Sie folgten eigenen Prinzipien und erschufen an den Grenzen der bekannten Wirklichkeit sogenannte Globulen – abgeschlossene Räume, in denen die Naturgesetze nur eingeschränkt galten oder gänzlich verändert werden konnten.
Es entstanden Orte, an denen Zeit unbeständig verlief, Landschaften lebendig wirkten oder die Grenzen zwischen Traum, Magie und Realität verschwammen. Manche Feenwesen verfügten über so große Macht, dass ihre Eingriffe die Geographie des jungen Kosmos dauerhaft veränderten.
Trotz ihres Einflusses zogen sich die meisten dieser Wesen im Laufe der Zeit zunehmend in ihre eigenen Globulen zurück. Ihr direkter Einfluss auf Gotara und die restliche dritte Sphäre wurde dadurch geringer, auch wenn ihre Spuren vielerorts erhalten blieben. Einige Überlieferungen behaupten, Elarion habe diesen Rückzug erzwungen, um die Stabilität der Sphären zu sichern. Eindeutige Beweise dafür existieren jedoch nicht.
Die Dritte Sphäre blieb dennoch ein Ort des Wandels. Gerade ihre Veränderlichkeit machte sie zum Ursprung unzähliger Möglichkeiten. Die Wechselwirkungen zwischen Naturgesetzen, Elementen, Entitäten und Feenwesen schufen eine Welt voller Extreme, Gefahren und schöpferischer Kraft.
Vielleicht liegt gerade darin bis heute das wahre Wesen des Kosmos:
dass Stabilität niemals Stillstand bedeutet, sondern ein fortwährendes Gleichgewicht im Wandel bleibt.
Bedeutung der Urprinzipregeln für Gotara
Die von den Urprinzipien geschaffenen Gesetze bilden bis heute das Fundament unserer Existenz. Ohne sie gäbe es keine Stabilität, keine verlässliche Ordnung und vermutlich nicht einmal eine dauerhaft bestehende Wirklichkeit. Der Fluss der Zeit, die Trennung der Elemente, die Grenzen der Sphären und die Beständigkeit des Raumes sind keine natürlichen Selbstverständlichkeiten, sondern Ergebnisse jener frühen Ordnung, die während des Ersten Zeitalters geschaffen wurde.
Besonders bedeutend war dabei die Einführung eines linearen Zeitflusses. Erst dadurch wurden Entwicklung, Erinnerung und Veränderung in ihrer heutigen Form möglich. Ebenso entscheidend waren die festen Grenzen zwischen den Sphären. Ohne diese Strukturen würde die Existenz vermutlich wieder in jene formlose Instabilität zurückfallen, welche die frühen Phasen der Schöpfung prägte.
Viele Gelehrte sprechen daher bis heute von „Unoriels Gesetzen“, obwohl auch Nahaliel und Semyaza an ihrer Entstehung beteiligt waren. Der Grund hierfür liegt vermutlich darin, dass Unoriel den Gesetzen nicht nur Gestalt, sondern auch einen festen Ort innerhalb der Existenz gab. Durch das Sphärenherz und die Wälle zwischen den Sphären wurden die Regeln der Wirklichkeit dauerhaft verankert und gegen äußere Eingriffe weitestgehend geschützt.
Die Strenge dieser Ordnung wurde im Laufe der Geschichte immer wieder kritisiert. Manche Philosophen sehen in Unoriels Eingreifen eine notwendige Sicherung der Existenz, andere betrachten die Einschränkung grenzenloser Freiheit als den Ursprung vieler späterer Konflikte. Besonders unter jenen Kulten, die Wandel und Chaos verehren, gelten Unoriels Gesetze bis heute als eine Form kosmischer Begrenzung.
Und dennoch lässt sich kaum bestreiten, dass gerade diese Grenzen die Grundlage allen späteren Lebens bilden.
Denn Ordnung bedeutet nicht zwangsläufig Unterdrückung. In vielen Fällen ist sie überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass Wachstum, Wandel und Existenz dauerhaft Bestand haben können. Ohne feste Regeln gäbe es keine Welt, in der sich Leben entwickeln könnte. Ohne Grenzen gäbe es keinen Schutz vor vollständigem Zerfall.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Tragik von Elarions Schicksal. Seine Bestrafung erinnert uns daran, dass Freiheit innerhalb der Schöpfung niemals grenzenlos existieren konnte. Zugleich zeigt sie aber auch, wie zerbrechlich die Ordnung der Welt tatsächlich ist und welchen Preis ihre Bewahrung fordert.
Die Gesetze der Urprinzipien sind daher weit mehr als bloße Regeln. Sie sind die unsichtbaren Grundpfeiler der Realität selbst.
Vierte Sphäre: Aetherons
Gegen Ende des Ersten Zeitalters hatte sich innerhalb der ersten drei Sphären bereits eine gewisse Ordnung etabliert. Die Naturgesetze waren gefestigt, die Elemente voneinander getrennt und der Kosmos begann, stabile Strukturen hervorzubringen. Zwar blieb die Existenz weiterhin von Wandel geprägt, doch die chaotischen Ursprünge der frühen Schöpfung waren zunehmend einer geordneten Wirklichkeit gewichen.
In jener Zeit machte eine der unsterblichen Entitäten eine Entdeckung, die den weiteren Verlauf der Geschichte nachhaltig verändern sollte.
Diese Entität ist uns heute unter dem Namen Zharvok bekannt.
Tief innerhalb des Kosmos fand Zharvok einen Ort von außergewöhnlicher Macht – ein Energiereserva, entstanden aus den ursprünglichen Fragmenten der Urprinzipien selbst. Bereits zuvor erwähnte ich jene gewaltigen Ansammlungen ursprünglicher Energie, die während der frühen Konflikte der Urprinzipien entstanden waren. Die meisten blieben verborgen oder unerreichbar. Dieses jedoch wurde entdeckt.
In der Nähe dieses Reservas vervielfachte sich Zharvoks Macht in einem Ausmaß, das selbst für unsterbliche Entitäten außergewöhnlich gewesen sein muss. Die Wirkungen seiner Kräfte verstärkten sich, und er konnte die Welt mit weit größerer Präzision und Effizienz beeinflussen als zuvor. Manche alte Texte behaupten sogar, dass Zharvok innerhalb dieses Machtzentrums kaum noch zwischen Gedanke und Handlung unterscheiden musste, da die Realität unmittelbar auf seinen Willen reagierte.
Die Völker Gotaras gaben diesem Ort in späteren Zeitaltern den Namen Aetheron.
Der Begriff leitet sich vermutlich von alten Vorstellungen des Äthers ab – jener geheimnisvollen Substanz oder Sphäre, die in vielen Kulturen als Ursprung des Göttlichen oder Übernatürlichen gilt. Für zahlreiche Gelehrte wurde Aetheron dadurch zum Sinnbild eines unerreichbaren Machtzentrums, irgendwo zwischen kosmischer Ordnung und göttlicher Erhabenheit.
Dabei ist wichtig zu verstehen, dass Aetheron selbst nicht einfach ein Reich darstellt. Vielmehr scheint es sich um eine eigene Sphäre gehandelt zu haben – eine Konzentration ursprünglicher Macht innerhalb des Kosmos, deren Einfluss weit über gewöhnliche Orte hinausreichte.
Theoretisch hätte Aetheron mehreren unsterblichen Entitäten als Machtzentrum dienen können. Viele Überlieferungen deuten jedoch darauf hin, dass die Kraft des Energiereservas zwischen allen dort anwesenden Wesen geteilt worden wäre. Genau dies wollte Zharvok allerdings verhindern.
Er beschloss daher, Aetheron für sich allein zu beanspruchen und die Kraft des Energiereserva mit niemanden zu teilen.
Um seinen Einfluss dauerhaft zu sichern, errichtete Zharvok einen gewaltigen Wall um das Reserva sowie den umliegenden Raum. Diese Barriere war nicht bloß eine physische Mauer, sondern vielmehr eine metaphysische Grenze, die nur von bestimmten Entitäten durchschritten werden konnte. Zur Zeit ihrer Errichtung war offenbar allein Zharvok selbst dazu in der Lage.
Die Ähnlichkeiten zu den Schutzmechanismen Unoriels sind dabei kaum zu übersehen. Wie die Wälle der bereits existierenden Sphäre beruhte auch diese Barriere auf festen metaphysischen Prinzipien. Offensichtlich hatte Zharvok verstanden, wie wirkungsvoll Grenzen zur Sicherung von Macht eingesetzt werden konnten, und adaptierte diesen Grundsatz für seine eigenen Zwecke.
Gegen die Urprinzipien selbst hätte dieser Wall vermutlich keinen Bestand gehabt. Für die übrigen unsterblichen Entitäten jedoch stellte er ein nahezu unüberwindbares Hindernis dar.
So entstand schließlich die Vierte Sphäre: Aetheron.
Mit ihrer Entstehung veränderte sich die Struktur der Existenz erneut. Erstmals entstand innerhalb des Kosmos ein abgeschlossener Ort konzentrierter Macht, kontrolliert von einer einzelnen Entität. Viele Gelehrte betrachten genau diesen Moment als den eigentlichen Beginn jener Machtkonflikte, die das kommende Zeitalter prägen sollten.
Das Ende des ersten Zeitalters
Mit der Entstehung Aetherons begann sich das Gleichgewicht unter den unsterblichen Entitäten spürbar zu verändern. Viele von ihnen hatten inzwischen begonnen, ihre eigenen Aufgaben und Einflussbereiche innerhalb der jungen Welt zu definieren. Manche widmeten sich den Elementen, andere bestimmten Regionen oder abstrakten Axiomen. Es war eine Zeit, in der Ordnung und Wandel scheinbar nebeneinander existierten und viele Entitäten glaubten, ihren Platz innerhalb der Schöpfung gefunden zu haben.
Doch diese Ruhe war trügerisch.
Schon bald bemerkten weitere Entitäten die Existenz der Vierten Sphäre. Sie spürten die Macht, die von Aetheron ausging, selbst über dessen Abgrenzung hinweg. Viele erkannten rasch, dass sich hinter Zharvoks Wall weit mehr verbarg als ein gewöhnlicher Rückzugsort. Dort befand sich ein Zentrum ursprünglicher Macht, dessen Einfluss selbst unter den Unsterblichen außergewöhnlich war.
Zunächst näherten sich einige Entitäten Aetheron friedlich. Sie baten um Einlass oder verlangten zumindest Zugang zu jenem Ort, dessen Macht offensichtlich aus dem Energiereserva der Urprinzipien selbst hervorging. Doch Zharvok verweigerte ihnen den Zutritt.
Diese Entscheidung blieb nicht ohne Folgen.
Die ausgeschlossenen Entitäten empfanden Zharvoks Verhalten zunehmend als Anmaßung. Viele betrachteten Aetheron nicht als persönlichen Besitz, sondern als Teil der gemeinsamen Schöpfung, auf den keine einzelne Entität allein Anspruch erheben dürfe. Je deutlicher wurde, welchen Vorteil Zharvok durch seine Verbindung zu Aetheron gewann, desto stärker wuchsen Misstrauen und Unzufriedenheit.
Bald verwandelte sich diese Unzufriedenheit in offenen Neid und Missgunst.
Die Forderungen nach Zugang zur Vierten Sphäre wurden lauter, während Zharvok weiterhin jede Form von Teilhabe verweigerte. Einige Entitäten argumentierten, dass sie ebenso viel Recht auf Aetheron hätten wie jene Entität, die es zuerst entdeckt hatte. Andere sahen in Zharvoks Verhalten den Versuch, sich dauerhaft über alle übrigen Unsterblichen zu erheben.
Mit der Zeit entstanden erste Bündnisse gegen ihn.
Was zunächst nur aus Spannungen, Drohungen und kleineren Auseinandersetzungen bestand, entwickelte sich allmählich zu offenen Feindseligkeiten. Mehrere Entitäten sammelten ihre Kräfte und begannen damit, die Mauern Aetherons zu belagern oder nach Wegen zu suchen, Zharvoks Schutzmechanismen zu überwinden.
Noch waren diese Konflikte vergleichsweise begrenzt. Der Kosmos selbst blieb größtenteils unberührt, und viele Entitäten hofften vermutlich weiterhin auf eine friedliche Lösung. Doch rückblickend erkennen die meisten Gelehrten genau hier den Beginn einer Entwicklung, die sich später nicht mehr aufhalten ließ.
Denn mit Aetheron entstand erstmals ein Machtzentrum, das nicht allen gleichermaßen zugänglich war.
Und wo Macht ungleich verteilt wird, entstehen früher oder später Neid, Furcht und Konflikt.
Der Übergang vom Ersten zum Zweiten Zeitalter erfolgte daher nicht plötzlich durch ein einzelnes Ereignis. Vielmehr war er ein langsamer Wandel – eine schleichende Veränderung der Beziehungen zwischen den unsterblichen Entitäten. Die bisherige Ordnung begann zu bröckeln, Bündnisse entstanden und zerfielen wieder, während Misstrauen zunehmend an die Stelle früherer Kooperation trat.
So endete das Erste Zeitalter nicht mit einem großen Untergang, sondern mit dem Beginn einer neuen Unsicherheit.
Und aus dieser Unsicherheit sollte schon bald ein Zeitalter offener Konflikte hervorgehen.
Ich vermag wirklich nicht zu sagen, ob Zharvok tatsächlich glaubte, die übrigen unsterblichen Entitäten würden es dauerhaft hinnehmen, von Aetheron ausgeschlossen zu sein. Vielleicht war er vom Einfluss des Energiereservas bereits so geblendet, dass er sich für unantastbar hielt. Vielleicht entsprach sein Verhalten aber auch schlicht seiner Natur, denn viele alte Überlieferungen beschreiben Zharvok als stolz, ehrgeizig und überzeugt von der eigenen Überlegenheit.
Als die ersten Entitäten schließlich Einlass in die vierte Sphäre verlangten, reagierte er jedenfalls genau so, wie man es von ihm erwarten konnte: Er ignorierte sie.
Hinter seinem gewaltigen Sphärenwall fühlte sich Zharvok sicher. Einige alte Aufzeichnungen berichten zwar davon, dass er kurzzeitig über Zugeständnisse nachgedacht haben soll, um die Spannungen zu entschärfen, doch sein Stolz ließ dies offenbar nicht zu. Er war überzeugt, jede aufbegehrende Entität jederzeit in ihre Schranken weisen zu können.
Gerade diese Arroganz dürfte den Konflikt jedoch erst wirklich entfacht haben.
Denn die ausgeschlossenen Entitäten sahen in Zharvoks Verhalten zunehmend mehr als bloße Besitzansprüche. Für viele von ihnen wirkte es, als erhebe er sich über seine Geschwister und beanspruche die Macht Aetherons allein für sich selbst. Je deutlicher wurde, welchen Vorteil ihm die Nähe zum Energiereserva verschaffte, desto stärker wuchsen Misstrauen, Neid und offene Feindseligkeit.
Es dauerte daher nicht lange, bis sich zahlreiche ausgeschlossene Entitäten zusammenschlossen, um sich gewaltsam Zugang zur vierten Sphäre zu verschaffen.
Angeführt wurde dieses Bündnis von Durgramar.
Die meisten Überlieferungen schildern ihn als eine Entität gewaltiger Entschlossenheit und beinahe unbeugsamen Willens. Anders als viele seiner Geschwister scheint Durgramar nicht allein aus Neid gehandelt zu haben. Vielmehr betrachtete er Zharvoks Alleinherrschaft offenbar als Gefahr für das Gleichgewicht unter den Entitäten selbst.
Zu seinen mächtigsten Verbündeten gehörten Justarion und Pyralion.
Schon damals sollen beide gefürchtete und zugleich äußerst einflussreiche Entitäten gewesen sein. Justarion wird in den ältesten Schriften oft mit Ordnung, Herrschaft und Disziplin in Verbindung gebracht, während Pyralion als Verkörperung gewaltiger Zerstörungskraft beschrieben wurde – eng verbunden mit unbändigem Vernichtungswillen.
Mit ihrer Vereinigung begann schließlich jener gewaltige Konflikt, von dem der Urprinzipien im ersten Zeitalter einmal abgesehen, den heutige Gelehrte als den Götterkrieg bezeichnen, auch wenn die Unsterblichen jener Zeit noch weit von dem entfernt waren, was wir heute unter echten Göttern verstehen.
Schlacht der Naturgewalten
Wenn heutige Sterbliche an Kriege zwischen den Unsterblichen denken, stellen sie sich oft gewaltige Wesen vor, die mit titanischen Waffen aufeinander einschlagen und ganze Gebirge durch die Luft schleudern. Solche Vorstellungen mögen eindrucksvoll klingen, doch sie entspringen eher späteren Heldensagen als den tatsächlichen Ereignissen des Zweiten Zeitalters.
Die meisten unsterblichen Entitäten besaßen damals keine körperliche Gestalt. Sie waren Verkörperungen elementarer Kräfte, metaphysischer Prinzipien und urtümlicher Zustände der Existenz. Entsprechend führten sie auch keinen Krieg wie Sterbliche, sondern rangen auf eine Weise miteinander, die ihrer eigentlichen Natur entsprach.
Gotara selbst wurde dabei zum Schlachtfeld ihres Konflikts.
Dort, wo eine Entität Einfluss gewann, veränderte sich die Welt. Küstenlinien brachen auseinander und neue Meere entstanden. Ganze Regionen versanken unter endlosen Regenfällen, während anderswo sengende Hitze das Land austrocknete und zu schwarzer Asche verbrannte. Gewaltige Stürme zerrissen Wälder und schleuderten gewaltige Gesteinsmassen über Kontinente hinweg. Eis breitete sich über Gebirge aus und verwandelte ganze Landstriche in erstarrte Ödnisse, ehe andere Kräfte das gefrorene Land wieder aufbrechen ließen.
Selbst die Ordnung der Natur blieb von diesem Krieg nicht unberührt. In manchen Regionen schien die Auswirkung langsamer voranzuschreiten, während anderswo Veränderungen in rasender Geschwindigkeit geschahen. Die Elemente gerieten aus dem Gleichgewicht und ganze Landschaften nahmen Eigenschaften jener Entitäten an, die dort ihren Einfluss ausübten.
Doch nicht nur die Welt selbst wurde von diesem Konflikt geprägt.
Auch abstraktere Kräfte breiteten sich aus wie unsichtbare Strömungen innerhalb der Existenz. Misstrauen, Zorn und Zwietracht griffen um sich und ließen selbst Bündnisse zerbrechen, während Hoffnung, Entschlossenheit oder Verbundenheit andere stärkten und zusammenschweißten. Viele Philosophen späterer Zeitalter vertraten daher die Ansicht, dass selbst Gefühle und Gedanken Spuren jenes uralten Krieges in sich tragen könnten.
Die Auseinandersetzungen der Entitäten dauerten dabei nicht Tage oder Jahre, sondern Zeiträume, die für uns Sterbliche kaum begreifbar sind. Ganze Landschaften entstanden während dieser Konflikte und verschwanden wieder, noch bevor sich die Welt stabilisieren konnte.
Vielleicht tragen deshalb bis heute manche Orte Gotaras eine seltsame Fremdartigkeit in sich – als Echo jener uralten Zeit, in der die Wirklichkeit selbst zum Schlachtfeld unsterblicher Mächte wurde.
Die Geburt der Sterblichen
Irgendwann erkannten die unsterblichen Entitäten, dass rohe Naturgewalten allein nicht ausreichten, um den Konflikt dauerhaft zu ihren Gunsten zu entscheiden. Überschwemmungen, Stürme und Feuersbrünste konnten Landschaften verwüsten, doch ihre Wirkung blieb oft unkontrolliert und vergänglich. So entstand schließlich ein neuer Gedanke: Warum nicht Wesen erschaffen, die den Willen ihrer Schöpfer dauerhaft in die Welt tragen konnten?
Wenn mich meine Nachforschungen nicht täuschen, war es Durgramar, der diesen Schritt als Erster wagte.
Anstatt die Macht eines Vulkans einfach entfesselt ausbrechen zu lassen, formte er aus Feuer, geschmolzenem Gestein und Magie die ersten sogenannten Feuertitanen. Diese Kreaturen waren nicht so zerstörerisch wie ein Vulkanausbruch selbst, doch sie besaßen einen entscheidenden Vorteil: Sie konnten sich bewegen. Hatten sie eine Region verheert, zogen sie weiter und setzten ihre Verwüstung andernorts fort.
Mit der Erschaffung solcher Wesen entstand jedoch zugleich etwas völlig Neues innerhalb der Schöpfung.
Denn ein winziges Bruchstück der Macht einer Entität verteilte sich auf ihre geschaffenen Diener. Je größer ihre Zahl wurde, desto geringer war die Macht des einzelnen Wesens. Und genau daraus entstand etwas, das es zuvor kaum gegeben hatte: Sterblichkeit.
Die ersten geschaffenen Wesen waren mächtig, doch nicht ewig. Sie konnten vergehen, zerstört werden oder mit der Zeit zugrunde gehen.
Andere Entitäten übernahmen diese Idee schon bald und erschufen eigene Diener in unterschiedlichsten Formen. Gewaltige Kreaturen aus Erz, Wasser, Sturm oder Erde entstanden und wurden in den Konflikt geschickt. Doch auch hier wäre es falsch, sich unter dem Begriff „Titanen“ einfach riesenhafte Menschen vorzustellen.
Viele dieser Wesen besaßen Gestalten, die eher an Naturphänomene erinnerten als an Lebewesen. Manche Erdtitanen bestanden aus gewaltigen Flechtenfeldern, die alles überwucherten und erstickten, was ihnen zu nahe kam. Andere erschienen als endlose Schwärme grabender Kreaturen, die ganze Landschaften verschlangen. Lufttitanen konnten als lebendige Sturmfronten auftreten, während manche Wasserwesen eher wandernden Flutwellen als eigentlichen Kreaturen glichen.
Lediglich die Magie selbst erwies sich als zu unstet, um dauerhaft zu eigenständigem Leben geformt zu werden. Immer wieder zerfielen solche Versuche oder verloren ihre Gestalt. Auch das Eis widersetzte sich lange einer dauerhaften Beseelung. Erst Skarveth gelang es schließlich, kalte Materie und bewegte Luft miteinander zu verbinden und daraus lebensfähige Wesen zu erschaffen. Viele alte Schriften sehen darin den Ursprung seiner späteren Verbindung zu Frost, Winter und Kälte.
Währenddessen eskalierte der Konflikt um Aetheron weiter.
Die ausgeschlossenen Entitäten sandten ihre geschaffenen Diener aus, um Zharvoks Werke zu zerstören und seinen Einfluss zu schwächen. Ganze Regionen wurden verwüstet, neu geformt und kurz darauf erneut vernichtet. Zwar erlaubte die Macht Aetherons Zharvok, vieles rasch wiederherzustellen, doch seine Gegner rissen nieder, was er erschuf – manchmal sogar noch während dessen Schöpfung nicht vollständig abgeschlossen war.
So wurde der Krieg der Entitäten zunehmend auch zu einem Krieg ihrer Schöpfungen.
Die ersten Kulturen
Zu Beginn betrachteten die unsterblichen Entitäten ihre geschaffenen Wesen kaum mehr als Werkzeuge im Krieg gegeneinander, primär jedoch als Waffe gegen Zharvok. Sie lehrten sie nur das Nötigste: wie man überlebt, wie man kämpft und wie man einfache Waffen aus Stein, Holz oder Knochen fertigt. Knüppel, primitive Klingen und grobe Steinbeile entstanden zunächst allein zu dem Zweck, Gegner zu töten oder feindliche Schöpfungen zu vernichten.
Doch schon bald geschah etwas, womit viele Entitäten offenbar nicht gerechnet hatten.
Die Sterblichen begannen, diese Werkzeuge auch für andere Zwecke einzusetzen.
Mit scharfen Steinen zerlegten sie erlegte Beutetiere. Mit Äxten fällten sie kleine Bäume, um sich Unterstände gegen Regen, Wind und Kälte zu errichten. Sie zerstampften Körner, Wurzeln und Früchte, mischten sie mit Wasser und entdeckten neue Möglichkeiten, Nahrung haltbar oder genießbarer zu machen.
Aus bloßen Werkzeugen des Krieges wurden allmählich Werkzeuge des Lebens.
Viele Überlieferungen deuten darauf hin, dass die unsterblichen Entitäten diese Entwicklung zunächst mit Verwunderung beobachteten. Denn zum ersten Mal zeigten ihre sterblichen Schöpfungen eigenständige Ideen, die nicht unmittelbar aus den Vorgaben ihrer Erschaffer hervorgingen.
Damit begann sich auch der Blick der Entitäten auf die Sterblichen zu verändern.
Zwar vergingen diese Wesen noch immer rasch aus Sicht ihrer unsterblichen Schöpfer, doch erstmals wurden sie nicht mehr nur als vergängliche Werkzeuge wahrgenommen, sondern zunehmend als eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Gedanken, Bedürfnissen und Fähigkeiten.
Einige Entitäten begannen daraufhin, ihren Geschöpfen weitere Kenntnisse zu vermitteln.
Welche Entität welche Technik zuerst lehrte, darüber streiten Gelehrte bis heute leidenschaftlich. Manche schreiben Durgramar die frühen Handwerkskünste zu und andere sehen Justarion als Ursprung geordneter Strukturen. Vieles davon dürfte sich jedoch über lange Zeiträume hinweg zwischen unterschiedlichen Völkern verbreitet haben.
Die Sterblichen lernten, Pflanzenfasern zu Schnüren zu verarbeiten und Felle zu Kleidung zusammenzufügen. Später entwickelten sie Techniken des Spinnens und Webens, um aus Wolle oder Pflanzenfasern erste Stoffe herzustellen. Primitive Unterkünfte wurden zu dauerhaften Siedlungen, und aus einfachen Gruppen entstanden erste Gemeinschaften mit gemeinsamen Gewohnheiten und Regeln.
Zwei Entwicklungen jener Zeit veränderten die Welt jedoch nachhaltiger als alle anderen.
Die erste war die Beherrschung des Feuers.
Feuer spendete nicht nur Wärme und Licht, sondern erlaubte es den Sterblichen erstmals, Nahrung zu garen, sich gegen Kälte zu schützen und die Dunkelheit zurückzudrängen. Viele spätere Kulturen betrachteten das Feuer deshalb als Beginn echter Zivilisation.
Noch bedeutsamer aber war eine andere Errungenschaft:
die Entstehung der Sprache.
Aus einzelnen Lauten wurden Worte. Aus Worten entstanden Namen, Absprachen, Geschichten und Erinnerungen. Wissen konnte nun weitergegeben werden, ohne dass jede Generation alles erneut entdecken musste.
Mit der Sprache begann die Geschichte der sterblichen Kulturen Gotaras.
Zharvoks Vergeltung
Lange Zeit nahm es Zharvok hin, dass die sterblichen Diener der anderen Entitäten seine Werke angriffen, verwüsteten oder zerstörten. Ganze Regionen, die er mit Hilfe Aetherons geformt hatte, wurden niedergerissen, verändert oder noch während ihrer Entstehung wieder vernichtet. Dank der Macht des Energiereservas konnte Zharvok vieles davon erneut erschaffen, doch seine Geduld war nicht grenzenlos.
Irgendwann wandelte sich seine Zurückhaltung in offenen Zorn.
Dieser richtete sich jedoch nicht gegen Gotara selbst und auch nicht gegen die Sterblichen. In Zharvoks Augen waren sie lediglich Werkzeuge in einem größeren Konflikt. Sein eigentlicher Hass galt seinen Geschwistern – jenen Entitäten, die seine Alleinherrschaft über Aetheron infrage stellten und unaufhörlich gegen ihn vorgingen.
Schließlich entschloss sich Zharvok, die Macht Aetherons auf eine Weise einzusetzen, wie es zuvor noch keine Entität gewagt hatte.
Die ältesten Überlieferungen schildern dieses Ereignis unterschiedlich, doch viele stimmen in einem Punkt überein: Aus Aetheron erhob sich ein gewaltiger Strom reiner Energie, der die Grenzen der vierten Sphäre erschüttert haben soll. Diese Macht durchdrang schließlich Pyralion und löschte seine Existenz aus.
So fiel die erste Entität im Götterkrieg.
Der Untergang Pyralions erschütterte die übrigen Entitäten weit stärker, als viele von ihnen erwartet hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten zahlreiche Unsterbliche offenbar geglaubt, Wesen ihrer Art könnten zwar geschwächt oder verdrängt, nicht jedoch ausgelöscht werden.
Zharvok bewies das Gegenteil.
Und er beließ es nicht bei einem einzigen Schlag.
Mehrfach soll er die Macht Aetherons genutzt haben, um weitere seiner Geschwister zu vernichten. Mit jeder ausgelöschten Entität wuchs jedoch zugleich die Furcht vor sowie der Hass auf ihn. Selbst unter jenen, die ihm zuvor neutral gegenübergestanden hatten, begann sich Unruhe auszubreiten.
Doch trotz seiner gewaltigen Macht konnte selbst Zharvok den Konflikt nicht dauerhaft allein entscheiden.
Die Zahl der übrigen Entitäten blieb groß, und jede ausgelöschte Schwester oder jeder vernichtete Bruder verstärkte den Widerstand der Verbliebenen nur weiter. Irgendwann erkannte selbst Zharvok, dass ein endloser Krieg letztlich nur zwei mögliche Ausgänge kannte: entweder die vollständige Vernichtung seiner Geschwister oder den Untergang der Schöpfung, die er selbst zu kontrollieren versuchte.
So entschloss er sich schließlich zu etwas, das lange unmöglich erschienen war:
Verhandlungen.
Am Sphärenwall Aetherons traf sich Zharvok schließlich mit Durgramar und Justarion, den Vertretern der ausgeschlossenen Entitäten, um eine Einigung herbeizuführen.
Die Öffnung Aetherons
Nach langen Verhandlungen fanden Zharvok, Durgramar und Justarion schließlich einen Kompromiss, den die meisten Entitäten akzeptieren konnten und die anderen respektieren mussten. Der Krieg hatte allen Seiten deutlich gemacht, dass weder die vollständige Abschottung Aetherons noch die fortwährende Eskalation des Konflikts zu einer dauerhaften Lösung führen würden.
So öffnete Zharvok schließlich die Tore der vierten Sphäre.
Erstmals erhielten auch andere Entitäten Zugang zu Aetheron und damit zur Nähe des gewaltigen Energiereservas im Zentrum der vierten Sphäre. Im Gegenzug akzeptierten die übrigen Entitäten Zharvoks Vorrangstellung innerhalb Aetherons und halfen ihm dabei, rund um das Energiereserva einen gewaltigen metaphysischen Herrschersitz zu errichten.
Die heutigen Gelehrten bezeichnen diesen Ort meist als die Bastion der Herrschaft.
Über ihre wahre Gestalt existieren zahllose Spekulationen. Manche Überlieferungen beschreiben sie als eine gewaltige Festung aus schwarzem Gestein und glühender Energie, andere wiederum behaupten, sie bestünde aus verdichteter Macht als aus materieller Substanz. Sicher scheint lediglich, dass sie zum Zentrum von Zharvoks Herrschaft wurde.
Von diesem Zeitpunkt an war Aetheron nicht länger ausschließlich Zharvoks Reich, sondern entwickelte sich zunehmend zum Machtzentrum aller Entitäten. Dennoch blieb Zharvok dessen unangefochtener Herrscher und residierte innerhalb der Bastion der Herrschaft in unmittelbarer Nähe des Energiereservas.
Durgramar und Justarion erhielten ebenfalls besondere Rechte innerhalb Aetherons. Als Vertreter der übrigen Entitäten war es ihnen gestattet, die Bastion zu betreten und sich dem Energiereserva weiter zu nähern als den meisten anderen ihrer Geschwister. Dadurch entstand erstmals eine erkennbare Hierarchie unter den Unsterblichen.
Für uns Sterbliche lässt sich dieses Verhältnis vielleicht am ehesten mit einer befestigten Stadt vergleichen.
Aetheron selbst wäre dabei die gewaltige Stadt innerhalb des Sphärenwalls, während die Bastion der Herrschaft den innersten Herrschersitz darstellt – jene Festung, in der der König residiert. Zharvok nahm dabei die Rolle des Herrschers ein, während Durgramar und Justarion gewissermaßen den mächtigsten Fürsten oder Beratern seines Hofes entsprochen hätten.
Natürlich ist ein solcher Vergleich stark vereinfacht. Die Wirklichkeit Aetherons dürfte weit fremdartiger sein, als wir Sterblichen sie jemals vollständig begreifen könnten. Dennoch hilft dieses Bild vielleicht dabei, die Machtverhältnisse jener Zeit verständlicher zu machen.
Das langsame Erblühen Gotaras
Wenn wir Sterblichen von Kriegen sprechen, meinen wir meist Konflikte, die wenige Jahre oder höchstens einige Generationen andauern. Der Krieg der unsterblichen Entitäten jedoch entzog sich jedem Maßstab, den wir heute kennen.
Bedenkt nur, wie lange es dauern muss, bis sich Gebirge erheben, Kontinente verändern oder ganze Klimazonen entstehen. Wie viele Jahrhunderte mögen vergangen sein, ehe die ersten sterblichen Wesen geschaffen wurden? Und wie viel Zeit musste verstreichen, bis aus primitiven Überlebenden schließlich erste Gemeinschaften, Traditionen und Kulturen hervorgingen?
Aus Sicht der Entitäten mag all dies nur eine kurze Phase innerhalb ihrer ewigen Existenz gewesen sein. Für uns Sterbliche jedoch müssen unvorstellbare Zeiträume vergangen sein.
Während die Entitäten um Macht, Einfluss und Aetheron rangen, begann Gotara dennoch zu erblühen.
Die Welt stabilisierte sich allmählich. Landschaften wurden beständiger, die Elemente fanden zunehmend ins Gleichgewicht, und vielerorts entstanden erste dauerhafte Lebensräume. Die sterblichen Völker breiteten sich aus, lernten voneinander und entwickelten eigene Bräuche, Werkzeuge und Sprachen.
So wurde aus einer Zeit des Konflikts zugleich eine Zeit der Entwicklung.
Vielleicht liegt darin eine der größten Ironien des Zweiten Zeitalters:
Während die unsterblichen Entitäten gegeneinander Krieg führten, erschufen ihre Handlungen unbeabsichtigt die Grundlage für alles spätere Leben und alle kommenden Kulturen Gotaras.
Und so vergingen nicht bloß Jahre oder Jahrhunderte, sondern vermutlich ganze Jahrtausende – ein vollständiges Zeitalter unserer Weltgeschichte.
Nach dem langen und verheerenden Götterkrieg des Zweiten Zeitalters kehrte in Aetheron scheinbar Ruhe ein. Die unsterblichen Entitäten begannen, ihre Verluste zu verarbeiten, Bündnisse zu festigen und neue Pläne für die weitere Gestaltung Gotaras zu schmieden. Vieles deutete darauf hin, dass endlich eine Zeit größerer Stabilität begonnen hatte.
Doch dieser Frieden war trügerisch.
Zharvok spürte sehr genau, dass sich das Gleichgewicht unter den Entitäten verändert hatte. Zwar war er weiterhin der anerkannte Herrscher Aetherons und residierte in der Bastion der Herrschaft, doch seine Geschwister hatten nun ebenfalls Zugang zur Macht des Energiereservas erhalten. Damit waren sie ihm nicht länger deutlich unterlegen. Ein Zustand, den er nicht akzeptieren wollte.
Was die meisten jedoch nicht ahnten:
Zharvok hatte bereits während der Verhandlungen mit Durgramar und Justarion begonnen, eigene Pläne zu verfolgen.
Nicht ohne Grund gewährte er ausschließlich diesen beiden Entitäten Zutritt zur Bastion der Herrschaft. Dies geschah keineswegs aus besonderer Wertschätzung oder Vertrauen. Vielmehr wollte Zharvok bewusst den Eindruck erzeugen, Durgramar und Justarion stünden über den übrigen Entitäten. Und tatsächlich begannen schon bald Missgunst, Argwohn und Neid unter seinen Geschwistern zu wachsen.
Zharvok verstand offenbar schon früh, dass Zwietracht oft gefährlicher war als offene Gewalt.
Während seine Geschwister glaubten, die Konflikte des vergangenen Zeitalters allmählich hinter sich zu lassen, arbeitete Zharvok im Verborgenen längst an neuen Plänen.
In den verborgensten Winkeln der Bastion führte er geheime Experimente durch – Experimente an anderen Entitäten. Meist wählte er dafür jene Geschwister, deren Verschwinden kaum Aufmerksamkeit erregte. Kleine, unbedeutende Entitäten, deren Fehlen niemand sofort bemerkte.
Über den genauen Ablauf dieser frühen Versuche existieren heute nur wenige verlässliche Aufzeichnungen. Sicher scheint lediglich, dass Zharvok nach Wegen suchte, seine eigene Macht dauerhaft zu mehren.
Gleichzeitig verließ er Aetheron immer häufiger.
Viele hielten dies vermutlich für gewöhnliche Reisen durch den Kosmos oder für Versuche, neue Schöpfungen auf Gotara zu beobachten. In Wahrheit jedoch war Zharvok von einer anderen Vorstellung besessen: Er war überzeugt davon, dass Aetheron nicht das einzige Energiereserva innerhalb der dritten Sphäre sein konnte.
Und so begann er, nach weiteren Quellen jener uralten Macht zu suchen.
Die verlorenen Seelen
Wie wir inzwischen wissen, wogte der Götterkrieg des Zweiten Zeitalters lange hin und her. Unzählige sterbliche Wesen fanden in diesen Konflikten den Tod, doch auch manche unsterbliche Entität verging durch die entfesselten Gewalten Zharvoks und seiner Geschwister.
Und doch bemerkte niemand, was dabei im Verborgenen geschah.
Zu sehr waren die Entitäten von ihrem Krieg vereinnahmt. Zu sehr richtete sich ihr Blick auf Macht, Vergeltung und den Sieg über ihre Gegenspieler. Während sie Kontinente erschütterten und ganze Schöpfungen vernichteten, blieb eine andere Entwicklung unbeachtet.
Denn jedes belebte Wesen trug eine Seele in sich.
Im Moment der Erschaffung entstand auch jene Seele – gleich ob Sterblicher oder Unsterblicher. Starb ein solches Wesen, verging sein Körper, doch seine Seele blieb bestehen. Sie löste sich vom Leib und trieb anschließend ziellos durch den Kosmos, unscheinbar und von niemanden wahrgenommen.
Viele Seelen jener Wesenheiten, die aus reinen Elementen erschaffen worden waren, fanden schließlich ihren Weg zurück in die Zweite Sphäre. Dort gingen sie wieder in ihrem ursprünglichen Element auf, als wären sie niemals davon getrennt gewesen.
Anderen jedoch blieb dieser Weg verwehrt.
Die Seelen unsterblicher Entitäten sowie jener Wesen, die nicht aus reinen Elementen bestanden, fanden keine Heimkehr. Sie irrten rastlos durch die Weiten des Kosmos und wurden langsam immer weiter vom bekannten Drinnen fortgetragen.
Schließlich gelangten sie an die Grenzen der geordneten Existenz.
Vom Drinnen wechselten sie hinaus ins Draußen – in jene formlose Leere jenseits der Sphärenwälle, wo weder Ordnung noch bekannte Naturgesetze herrschten. Dort, im brodelnden Chaos des Nichts, sammelten sich diese verlorenen Seelen allmählich an einem einzigen Ort.
Unbemerkt.
Vergessen.
Und doch von gewaltiger Bedeutung für alles, was noch folgen sollte.
Der verborgene Riss
Zharvok sollte mit seiner Vermutung schließlich Recht behalten.
Irgendwann entdeckte er einen schmalen Riss im äußeren Sphärenwall – jenem gewaltigen Wall, der die dritte Sphäre von der Leere dahinter trennte. Der Spalt war kaum mehr als eine feine Öffnung innerhalb der metaphysischen Grenze, doch er genügte, damit sich eine Entität wie Zharvok hineinzwängen konnte.
Aufmerksam wurde er auf diesen Ort nur, weil er dort eine machtvolle Präsenz verspürte, die ihm seltsam vertraut vorkam.
Bereits in der Nähe des Risses fühlte Zharvok jene uralte Energie, die er zuvor nur in Aetheron wahrgenommen hatte. Und tatsächlich befand sich tief innerhalb des Spalts, nahe der Grenze zur Leere, ein weiteres Energiereserva.
Erneut war es Zharvok, der eine solche Machtquelle zuerst entdeckte.
Zunächst zögerte er noch. Selbst Zharvok wusste um Unoriels Gesetze und um Elarions Aufgabe, über die Sphären und ihre Übergänge zu wachen. Doch der Wall war gewaltig dick, und das Energiereserva lag teilweise noch innerhalb seiner Struktur. In Zharvoks Augen überschritt er die Grenze daher nicht wirklich. Er verließ die dritte Sphäre nicht vollständig und war sich deshalb gewiss, keine Strafe der Urprinzipien fürchten zu müssen.
Vielleicht redete er sich dies jedoch auch nur selbst ein, um auch den letzten Schritt zu wagen.
Je näher er dem Energiereserva kam, desto stärker spürte er dessen Anziehungskraft. Wie einst Aetheron zog auch diese Macht an ihm, doch zugleich fühlte sie sich anders an – fremdartiger, roher und zugleich seltsam vertraut. Spätere Theologen beschrieben es manchmal so, als wäre dieses Energiereserva auf Zharvok selbst abgestimmt gewesen.
Um seine Entdeckung geheim zu halten, begann Zharvok schließlich damit, den Riss vor den Blicken anderer Entitäten zu verschleiern. Wer sich dem Wall näherte, sollte dort nichts Besonderes mehr erkennen können. So gelang es ihm, unbemerkt zwischen Aetheron und dem verborgenen Energiereserva hin und her zu reisen.
Misstrauen entstand unter seinen Geschwistern kaum.
Die Saat aus Neid und Missgunst, die Zharvok durch die Bevorzugung Durgramars und Justarions ausgesät hatte, begann inzwischen aufzugehen. Viele Entitäten waren stärker mit gegenseitigem Argwohn beschäftigt als mit dem Verhalten ihres Herrschers.
Zudem galt es keineswegs als ungewöhnlich, dass Entitäten Aetheron zeitweise verließen, um Gotara zu beobachten, neue Schöpfungen hervorzubringen oder ihren Einfluss innerhalb der Welt auszudehnen.
Und genau diese Gleichgültigkeit sollte sich später als verhängnisvoll erweisen.
Zharvoks Verrat
Ich hatte bereits zuvor erwähnt, dass Zharvok in den verborgensten Bereichen der Bastion geheime Experimente an anderen Entitäten durchführte. Jene Geschwister, die er dort gefangen hielt, wenn auch nur für kurze Zeit, schienen spurlos zu verschwinden. Niemand fand sie, niemand hörte ihre Stimmen, und lange Zeit stellte offenbar kaum jemand Fragen.
Meine Nachforschungen über die genaue Natur dieser Experimente bleiben bis heute lückenhaft. Dennoch deuten zahlreiche alte Schriften darauf hin, dass Zharvok dort einen Weg entdeckte, die Macht anderer Entitäten in sich aufzunehmen.
Entitäten wie Cyraleth, Grymora, Tharion, Quenaria, Maltherion und viele weitere verschwanden im Verlauf jener Zeit spurlos. Viele Gelehrte und Theologen beschrieben Zharvoks Vorgehen später als ein Verschlingen oder Annektieren ihrer Seelen. Wie genau dies geschah, vermag jedoch niemand mit Sicherheit zu sagen. Fest steht lediglich, dass jene Entitäten nicht einfach getötet wurden. Sie wurden vollständig ausgelöscht – selbst ihre Seelen entkamen diesem Schicksal offenbar nicht.
Und mit jeder vernichteten Entität wuchs Zharvoks eigene Macht weiter an.
Wie viele Geschwister er tatsächlich auf diese Weise auszehrte, bleibt ungewiss. Es müssen jedoch zahlreiche gewesen sein, denn irgendwann ließ sich ihr Verschwinden nicht länger übersehen.
Fragen wurden gestellt.
Laut und nicht mehr zu überhören.
Einige Entitäten begannen, ihre Geschwister zu vermissen, doch niemand konnte Auskunft über deren Verbleib geben. Justarion war schließlich der Erste, der Verdacht schöpfte. Immer wieder bemerkte er, dass Zharvok scheinbar aus den Schatten der Bastion hervorkam, kurz nachdem er selbst diese betreten hatte – obwohl Zharvok gewöhnlich den Herrscherthron nur selten unbeaufsichtigt ließ, wenn er sich in Aetheron aufhielt.
Noch ahnte Justarion nicht das wahre Ausmaß von Zharvoks Vergehen, doch er begann zu glauben, dass ihr Herrscher etwas verbarg.
Schließlich weihte er Durgramar in seinen Verdacht ein, und gemeinsam beschlossen sie, Rethis hinzuzuziehen.
Rethis galt schon damals als Meister der Heimlichkeit und des Verborgenen. Ihm gelang schließlich etwas, das kaum eine andere Entität gewagt hätte: Er folgte Zharvok unbemerkt in die verbotenen Bereiche der Bastion.
Wäre er entdeckt worden, hätte dies verheerende Folgen gehabt. Nicht nur, weil ihm der zur Bastion selbst untersagt war, sondern auch, weil Zharvok sein Geheimnis sicherlich um jeden Preis hätte bewahren wollen.
Doch Rethis blieb verborgen.
Und so wurde er Zeuge dessen, was Zharvok im Verborgenen tat.
Wie Rethis selbst auf diese Entdeckungen reagierte, darüber schweigen die meisten Überlieferungen. Sicher scheint nur, dass er die Bastion heimlich wieder verließ und unverzüglich Justarion und Durgramar aufsuchte. Er drängte beide dazu, weitere Entitäten einzuweihen, denn niemand konnte mit Gewissheit sagen, wie mächtig Zharvok inzwischen geworden war.
Daraufhin versammelten sich neben Justarion, Durgramar und Rethis noch mehrere andere Entitäten, um gegen Zahrvok vorzugehen, darunter Belthara, Delan, Iriath, Kaori, Leonthara, Lythara, Orvain, Thaleira und Wyndrel.
Gemeinsam stellten sie Zharvok schließlich innerhalb der Bastion.
Es kam zu einem heftigen Kampf. Selbst einer Übermacht gelang es zunächst kaum, Zharvok Einhalt zu gebieten. Noch während der Auseinandersetzung tötete er Iriath und Wyndrel, ehe die übrigen Entitäten ihn schließlich überwältigen und gefangen nehmen konnten.
Doch damit entstand ein neues Problem:
Niemand wusste, wie mit Zharvok verfahren werden sollte.
Gesetze für Vergehen dieser Art existierten zu jener Zeit nicht. Die Entitäten berieten lange mit ihren anderen Geschwistern über mögliche Strafen. Manche verlangten seine Vernichtung, andere wollten ihn seiner Macht berauben oder dauerhaft einsperren.
Am Ende jedoch war es Zharvok selbst, der einen Vorschlag unterbreitete.
Er zeigte Reue, bekannte seine Verfehlungen und gelobte Besserung. Bis seine Geschwister ihm eines Tages vergeben würden, wolle er sich selbst aus Aetheron verbannen und freiwillig auf die Nähe zur Bastion und dem darin ruhenden Energiereserva verzichten.
Die Beratungen darüber dauerten lange – selbst aus Sicht unsterblicher Entitäten.
Schließlich erschien vielen dieser Vorschlag angemessen. Eine Verbannung aus Aetheron bedeutete Machtverlust, und gerade das Streben nach Macht hatte Zharvok überhaupt erst auf diesen Weg geführt.
So geleiteten ihn seine Geschwister schließlich bis an den Wall Aetherons und schickten ihn hinaus in die dritte Sphäre.
Dort sollte Zharvok fortan in der Verbannung verweilen, bis seine Geschwister eines Tages entschieden, ihm zu vergeben.
Die Wahl des neuen Herrschers
Nach Zharvoks Verbannung geriet Aetheron in Unruhe.
Der Herrschersitz innerhalb der Bastion war verwaist, und viele Entitäten begannen schon bald, Anspruch auf die Führung Aetherons zu erheben. Bündnisse entstanden, alte Rivalitäten flammten erneut auf, und für eine Zeit schien es beinahe unausweichlich, dass ein weiterer großer Krieg zwischen den Entitäten ausbrechen würde.
Glücklicherweise kam es nicht dazu.
Es war Elarion, der schließlich eingriff.
Obwohl seine eigentliche Aufgabe in der Wacht über die Sphären und ihre Übergänge bestand, wollte er nicht noch einmal mit ansehen, wie seine Geschwister einander in einem neuen Krieg zugrunde richteten. Zu viele Entitäten waren bereits gefallen, zu groß waren die Schäden, welche die vorherigen Konflikte hinterlassen hatten.
Und so unterbreitete Elarion einen Vorschlag, der für jene Zeit beinahe revolutionär gewesen sein muss.
Jede Entität, die Anspruch auf den Herrschersitz Aetherons erhob, sollte sich den anderen vorstellen dürfen. Anschließend sollten sämtliche Entitäten darüber abstimmen, wem die Herrschaft über Aetheron anvertraut werden sollte.
Viele stellten sich dieser Wahl.
Unter ihnen befanden sich Damaris, Eryssia, Halvaris, Justarion, Odrakar, Saelthira und Xandrya. Jede dieser Entitäten versuchte, ihre Geschwister davon zu überzeugen, dass gerade ihre Herrschaft die beste Zukunft für Aetheron und Gotara bedeuten würde.
Eryssia sprach beispielsweise von gemeinsamer Gestaltung und davon, die Welt zusammen mit ihren Geschwistern in völliger Harmonie weiterzuentwickeln. Halvaris hingegen vertrat deutlich strengere Vorstellungen und schlug eine nahezu diktatorische Herrschaftsform vor, in der Ordnung und Gehorsam oberste Priorität besitzen sollten.
Justarion wiederum verfolgte einen anderen Ansatz.
Er sprach sich für eine Herrschaft aus, die nicht allein auf persönlicher Macht beruhte, sondern von einem Kreis anderer Entitäten unterstützt und beraten werden sollte. Zudem war er der Einzige unter den Bewerbern, der vorschlug, allen Entitäten zeitweise Zugang zur Bastion der Herrschaft zu gewähren – auch wenn niemals alle gleichzeitig dort verweilen könnten.
Was während dieser Beratungen noch alles besprochen, versprochen oder beschlossen wurde, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen. Viele Aufzeichnungen aus jener Zeit widersprechen einander oder gingen längst verloren.
Fest steht jedoch, dass Justarion die Abstimmung schließlich gewann.
So wurde er zum neuen Herrscher Aetherons ernannt.
Heute kennen wir ihn unter vielen Titeln, darunter „Der Götterherrscher“ oder „Der goldene Hüter des Rechts“. Doch an dieser Stelle sollte erneut erwähnt werden, dass die Entitäten jener frühen Zeitalter noch nicht vollständig mit den Gottheiten identisch waren, als die wir sie heute verehren oder fürchten. Vielmehr befanden sie sich noch immer in einem langen Wandel, der sie erst im Verlauf späterer Zeitalter zu jenen Mächten machte, die uns heute vertraut sind.
Die Ordnung Aetherons
Nachdem Justarion zum neuen Herrscher Aetherons erhoben worden war, begann er damit, seine Versprechen einzulösen.
Wie angekündigt gewährte er den Bewohnern Aetherons Zugang zur Bastion der Herrschaft und damit zur Nähe des Energiereservas. Zwar war die Bastion von gewaltigen Ausmaßen – sicherlich weit größer, als wir Sterblichen es uns überhaupt vorstellen könnten – doch selbst sie bot nicht genügend Raum, damit sämtliche Entitäten gleichzeitig und dauerhaft dort verweilen konnten.
So entstand ein wechselndes Kommen und Gehen innerhalb der Bastion.
Auch sein zweites großes Versprechen setzte Justarion um.
Er gründete den sogenannten Rat der Ordnung und berief jene Entitäten in diesen Kreis, die ihn zuvor dabei unterstützt hatten, Zharvok zu entmachten und zu verbannen. Dem Rat gehörten fortan Belthara, Delan, Durgramar, Kaori, Leonthara, Lythara, Orvain, Rethis und Thaleira an.
Zumindest war dies ursprünglich vorgesehen.
Denn Rethis lehnte den Sitz im Rat ab. Offenbar verspürte er wenig Interesse an dauerhafter Verantwortung oder politischer Macht. Dennoch bot er an, seinen Geschwistern beizustehen, falls seine Fähigkeiten erneut von Nöten sein würden.
So stand Justarion fortan nicht länger allein an der Spitze Aetherons.
Bis heute existiert der Rat der Ordnung in unveränderter Form und unterstützt Justarion bei der Wahrung der Ordnung innerhalb der vierten Sphäre. Viele Sterbliche glauben irrtümlich, der Rat überwache das Leben einfacher Bauern, Handwerker oder Herrscher auf Gotara.
Doch seine eigentliche Aufgabe ist weitaus bedeutender.
Der Rat wacht über die dritte und vierte Sphäre in Gänze und über die Entitäten, die hier verweilen. Er berät Justarion, schlichtet Konflikte und greift ein, wenn eine Entität ihre Grenzen überschreitet oder die Ordnung der Sphären gefährdet. Das unmittelbare Wirken auf Gotara hingegen blieb den einzelnen Entitäten weitgehend selbst überlassen – solange sie die bestehenden Grenzen achteten.
Allerdings sollte man sich davor hüten, die damalige Ordnung mit heutigen Vorstellungen von Gesetzen zu vergleichen.
Zu jener Zeit existierten kaum festgeschriebene Regeln außerhalb jener uralten Gesetze, die einst von den Urprinzipien selbst geschaffen worden waren. Erst Justarion begann damit, weitere verbindliche Ordnungen zu etablieren.
Die erste dieser Regeln war von besonderer Tragweite:
Entitäten wurde fortan untersagt, andere Entitäten zu töten.
Welche Strafen für einen Verstoß gegen dieses Gebot vorgesehen waren, vermag ich leider nicht mit Gewissheit zu sagen. Entsprechende Aufzeichnungen konnte ich trotz umfangreicher Nachforschungen nicht finden. Fest steht jedoch, dass im Verlauf der folgenden Zeitalter weitere Regeln entstanden und die Ordnung der Sphären zunehmend komplexer wurde.
Zharvoks Rückzug
Noch während seine Geschwister mit den Unruhen in Aetheron beschäftigt waren und über die Nachfolge Zharvoks stritten, begann dieser längst damit, seine wahren Pläne umzusetzen.
Die Verbannung hatte er niemals aus Reue vorgeschlagen.
Er bedauerte weder seine Taten noch wollte er freiwillig auf Macht verzichten. Vielmehr war Zharvok inzwischen überzeugt davon, mächtiger geworden zu sein als jede andere Entität –sogar mächtiger als Elarion. Schließlich hatte er zahlreiche Geschwister ausgezehrt und ihre Kräfte in sich aufgenommen, während Elarions Macht allein aus den Bruchstücken weniger Entitäten gemehrt wurde, die ihm einst von den Urprinzipien einverleibt worden waren.
Zharvok zog sich daher nicht ziellos in die dritte Sphäre zurück.
Er kehrte vielmehr zu jenem verborgenen Riss im äußeren Sphärenwall zurück, den er lange vor seinen Geschwistern verborgen gehalten hatte. Dort befand sich weiterhin das zweite Energiereserva – jene Machtquelle an der Grenze zur Leere, die ihn inzwischen noch stärker anzog als einst Aetheron.
Die Energie dieses Reservas war anders.
Nicht größer als jene Aetherons, doch fremdartiger, roher und zugleich seltsam passend für Zharvoks Wesen. Je länger er sich dort aufhielt, desto stärker verbanden sich seine eigene Macht und jene des verborgenen Reservas miteinander. Beide schienen sich gegenseitig zu verändern und aufeinander einzustimmen.
Manche alte Schriften vergleichen diesen Prozess mit Klängen, die zunächst ungeordnet erscheinen, sich schließlich jedoch zu einer gemeinsamen Melodie vereinen.
In Zharvoks Fall jedoch war diese Melodie keine schöne, sondern eine bedrohliche.
Und als wäre all dies nicht bereits verhängnisvoll genug gewesen, machte Zharvok dort noch eine weitere Entdeckung.
Im Draußen, jedoch nahe dem verborgenen Reservas hatten sich zahllose Seelen gesammelt – die Seelen verstorbener Sterblicher ebenso wie jene gefallener Entitäten. All jene Wesen, die seit Beginn der Schöpfung gestorben waren und keine Rückkehr in die geordneten Sphären gefunden hatten, trieben nun rastlos nahe der Leere.
Zunächst wusste selbst Zharvok offenbar nicht, was er mit ihnen anfangen sollte.
Doch irgendwann kam ihm eine Idee.
Eine Idee, die Gotara und die Sphären für immer verändern sollte.
Zharvok begann damit, das verborgene Energiereserva nach seinem Willen zu formen. Er verdarb und korrumpierte dessen Wesen, bis es seiner eigenen Natur entsprach.
Mit Hilfe dieser verdorbenen Macht begann Zharvok, die dort gesammelten Seelen zu verändern.
Aus ihnen entstanden neue Wesenheiten – Kreaturen des reinen Chaos, erfüllt von Hass, Zerstörungswut und blinder Feindseligkeit gegenüber allem Geordneten. Sie dienten allein Zharvok und wurden zu lebendigen Verkörperungen von Neid, Eifersucht, Grausamkeit und Vernichtung.
So scharte Zharvok im Verborgenen eine immer größere Zahl dieser Wesen um sich.
Niemand in Aetheron ahnte zu jener Zeit, was sich inmitten des dritten Sphärenwalls und jenseits davon zusammenbraute.
Viele heutige Gelehrte und Theologen glauben, dass diese Wesen nicht allein durch Zharvoks Einfluss verdorben wurden. Manche vermuten, dass bereits das Draußen selbst eine verderbende Wirkung auf jene Seelen hatte, die dorthin gelangten. Vielleicht ist die Leere allem Geordneten feindlich gesinnt. Vielleicht ist sie das Chaos selbst.
Mit letzter Gewissheit vermag dies niemand zu sagen.
Fest steht jedoch, dass Zharvok von diesem Zeitpunkt an nicht länger danach strebte, Aetheron einfach nur zurückzuerobern. Sein Ziel wurde weitaus finsterer.
Er wollte die dritte und vierte Sphäre mit Hass, Zerstörung und Versklavung überziehen. Alle Existenz sollte seinem Willen dienen oder daran zerbrechen.
Und wenn ihr meinen bisherigen Ausführungen aufmerksam gefolgt seid und zugleich das heutige Pantheon etwas kennt, dann werdet ihr vermutlich bereits erkannt haben, worum es sich bei diesen Wesen handelte.
Denn jene Geschöpfe des Chaos waren die ersten Dämonen.
Das verdorbene Energiereserva wurde später als Dämonenherz bekannt.
Und Zharvok selbst ging als der Emanator der Dämonen in die Geschichte ein.
Die ersten Reiche und etablierten Kulturen
Glücklicherweise war nicht alles düster, was sich während des dritten Zeitalters ereignete.
Während die unsterblichen Entitäten mit Intrigen, Machtkämpfen und den Geschehnissen rund um Aetheron beschäftigt waren, entwickelte sich Gotara weiter. Vieles, was zuvor noch unstet und wandelbar gewesen war, begann allmählich feste Formen anzunehmen. Kontinente und Inseln fanden ihre Plätze innerhalb der Welt. Gebirge erhoben sich dauerhaft aus der Erde, Flüsse gruben ihre Betten durch die Landschaften, und gewaltige Wälder breiteten sich über weite Teile Gotaras aus.
Die Welt begann zu erstarken.
Auch unter den sterblichen Wesen entwickelten sich erstmals größere Gemeinschaften und frühe Reiche. Zwar handelte es sich dabei noch nicht um Hochkulturen, wie wir sie aus späteren Zeitaltern kennen, doch viele dieser Völker entwickelten bereits ein Verständnis für Zusammenhalt, Sprache und gemeinsames Leben.
Welche Völker dies im Einzelnen waren, lässt sich heute nur noch schwer rekonstruieren.
Die meisten gingen im Verlauf der folgenden Zeitalter verloren oder verschwanden vollständig aus der Geschichte. Nur von wenigen wissen wir überhaupt noch mit Gewissheit – insbesondere von Drachen, Riesen und Ogern.
Doch selbst diese unterschieden sich damals stark von den Wesen, die wir heute kennen.
Drachen und Riesen waren zu jener Zeit noch überwiegend wilde Geschöpfe, getrieben von Instinkten und gewaltiger Urkraft. Die Weisheit, Kultur und innere Ruhe, die man manchen von ihnen heute zuschreibt, entwickelten sich erst viel später.
Die Oger hingegen nahmen unter den frühen sterblichen Völkern eine bemerkenswerte Stellung ein.
Kaum vorstellbar, nicht wahr?
Denn die Oger jener frühen Zeitalter hatten nur wenig mit den stumpfsinnigen und grobschlächtigen Kreaturen gemein, die viele Reisende heute beschreiben würden. Damals entwickelten sie die wohl erste echte Kultur Gotaras.
Es entstanden unterschiedliche Stämme, die trotz eigener Traditionen zahlreiche Gemeinsamkeiten teilten. Sie entwickelten eine gemeinsame Sprache, tauschten Wissen untereinander aus und begannen, neue Werkzeuge und Techniken systematisch weiterzugeben.
Die Oger errichteten erste dauerhafte Siedlungen, später sogar primitive Städte. Sie betrieben Ackerbau und Viehzucht, um nicht länger rastlos durch die Welt ziehen zu müssen. Darüber hinaus lernten sie früh, Magie gezielt einzusetzen und für ihre Zwecke nutzbar zu machen.
Besonders bemerkenswert erscheint mir dabei, dass sie ihr Wissen vergleichsweise offen miteinander teilten.
Vielleicht entwickelten sie sich gerade deshalb so rasch. Viele heutige Kulturen hingegen hüten ihr Wissen eifersüchtig oder betrachten es als Machtmittel, das nur wenigen vorbehalten sein sollte.
Natürlich waren es nicht allein die sterblichen Völker selbst, welche diese Entwicklungen vorantrieben. Viele unsterbliche Entitäten beeinflussten die Welt und ihre Bewohner auf unterschiedlichste Weise. Doch eine von ihnen verdient an dieser Stelle besondere Erwähnung: Zuleyra.
Denn nach allem, was ich herausfinden konnte, war es Zuleyra, welche eine völlig neue Art von Wesenheiten nach Gotara brachte – die Lichtbringer.
Über diese uralten Wesen ist heute nur noch erschreckend wenig bekannt. Vieles von dem verbliebenen Wissen scheint von den Eldari und Albae verborgen gehalten zu werden, fernab meines Zugriffs und vermutlich auch fernab jener Archive, welche gewöhnlichen Gelehrten offenstehen. Meine Nachforschungen blieben daher äußerst lückenhaft.
Was sich jedoch rekonstruieren lässt, zeichnet ein bemerkenswertes Bild.
Die Lichtbringer waren offenbar das erste immaterielle Volk Gotaras. Zeitgenössische Beschreibungen schildern sie als humanoide Wesen von ungefähr menschlicher Größe, deren Körper jedoch vollständig aus Licht bestanden haben sollen. Und wo Licht existiert, dort existieren nach den Unoriels Gesetzen auch Schatten.
So berichten viele Überlieferungen davon, dass jeder Lichtbringer stets von einer Art Schattenzwilling begleitet wurde – einem dunklen Spiegelbild seiner selbst.
Ich muss gestehen, dass mir allein die Vorstellung Schwierigkeiten bereitet.
Denn wie sollte Licht selbst einen Schatten werfen?
Vielleicht handelte es sich bei diesen Schattenzwillingen um eigenständige Wesenheiten. Vielleicht waren sie lediglich Manifestationen jener uralten Gegensätze, welche seit Anbeginn der Existenz miteinander verbunden sind. Oder vielleicht waren sie tatsächlich nichts weiter als Schatten. Mit Gewissheit vermag ich dies nicht zu sagen.
Fest steht jedoch, dass die Lichtbringer anders waren als alle übrigen Völker Gotaras.
Sie bestanden nicht aus Fleisch, Stein oder anderen materiellen Elementen, sondern aus Licht selbst. Zudem heißt es, dass sie weder Nahrung noch Schlaf oder Rast benötigten. Sie waren einfach da – unverändert, beständig und scheinbar frei von den Bedürfnissen anderer sterblicher Wesen.
Die Lichtbringer durchwanderten Gotara und begannen irgendwann, Einfluss auf die frühen Kulturen auszuüben.
Zunächst näherten sie sich den Ogern an. Sie lehrten diese den bewussteren Umgang mit Magie und halfen ihnen dabei, ihre arkanen Kräfte gezielt zu formen und nutzbar zu machen. Woher die Lichtbringer selbst dieses Wissen besaßen, darüber lässt sich nur spekulieren. Vielleicht war es Zuleyra selbst, welche sie zuvor gelehrt hatte.
Doch zum Ende des dritten Zeitalters wandten sich die Lichtbringer zunehmend von den Ogern ab und suchten stattdessen die Nähe der Drachen.
Und hierin liegt vermutlich einer der bedeutendsten Wendepunkte der frühen Geschichte Gotaras.
Denn viele Gelehrte gehen heute davon aus, dass erst der Einfluss der Lichtbringer die Drachen nachhaltig veränderte. Sie lehrten ihnen nicht nur den bewussten Umgang mit Magie, sondern auch Weisheit, Sprache und die Macht des gesprochenen Wortes. Erst dadurch entwickelten sich aus wilden Urgeschöpfen jene stolzen, intelligenten und kulturell geprägten Wesen, als die wir Drachen heute kennen – von schaurig, gefährlich und furchteinflößend einmal ganz zu schweigen.
Welche Rolle die Schattenzwillinge der Lichtbringer dabei einnahmen, bleibt allerdings unklar. Vielleicht wurden sie als natürlicher Gegenpol akzeptiert. Vielleicht wirkten sie eigenständig im Verborgenen. Oder vielleicht bildeten Lichtbringer und Schattenzwillinge gemeinsam erst die wahre Einheit jener Wesenheiten.
Leider schweigen die meisten erhaltenen Quellen darüber.
Einige Aufzeichnungen deuten zudem darauf hin, dass die Lichtbringer noch weitere frühe Kulturen Gotaras beeinflusst haben könnten. Doch die wenigen erhaltenen Berichte widersprechen sich an vielen Stellen, weshalb ich mich davor hüten möchte, hier voreilige Behauptungen aufzustellen.
Fest steht jedoch:
Zuleyra brachte die Lichtbringer nach Gotara, und die Lichtbringer hinterließen deutliche Spuren in der Entwicklung vieler früher Kulturen – insbesondere jedoch bei den damaligen Ogern und den Drachen.
Und so entwickelte sich Gotara trotz aller Konflikte weiter.
Die Machtverhältnisse in Aetheron hatten sich verändert und stabilisiert, Zharvok war verbannt worden, und die sterbliche Welt begann langsam, ihre ersten eigenen Schritte zu gehen.
So endete schließlich das dritte Zeitalter.
Die Entwicklung Gotaras schritt allmählich voran, doch begann das vierte Zeitalter alles andere als ruhig oder sorglos.
Wir erinnern uns, dass Rethis es einst ablehnte, sich dem Rat der Ordnung anzuschließen. Dies bedeutete jedoch keineswegs, dass er untätig blieb. Zu groß war sein Misstrauen gegenüber Zharvok und dem scheinbaren Frieden, den die übrigen Entitäten nun genossen. Gemeinsam mit seiner Schwester Ravira machte er sich daher auf, nach den Spuren des Verbannten zu suchen.
Ravira galt schon damals als die wohl herausragendste Fährtenleserin unter den Entitäten. Selbst kleinste Nachwirkungen vermochte sie im Kosmos aufzuspüren – Dinge, die anderen verborgen geblieben wären.
So folgten Rethis und Ravira den letzten Spuren Zharvoks bis an den äußeren Sphärenwall, jener Grenze, welche das Drinnen vom Draußen trennte.
Dort jedoch verlor sich seine Spur.
Zharvoks Verschleierung erwies sich als wirkungsvoll. Dennoch spürten beide, dass etwas nicht stimmte. Die Umgebung fühlte sich fremdartig an – bedrückend, falsch und von einer mächtigen Präsenz erfüllt, die selbst ihnen Unbehagen bereitete.
Etwas lauerte dort.
Schaudernd kehrten sie nach Aetheron zurück und baten ihre Schwester Zuleyra um Unterstützung. Sie war seit jeher enger als viele ihrer Geschwister mit den obskuren und verborgenen Kräften der Existenz verbunden gewesen. Wo andere Entitäten instinktiv zurückwichen, begann für sie oft erst das eigentliche Verständnis.
Gemeinsam kehrten die drei schließlich zum Ort der verschwundenen Spur zurück.
Zwar vermochte auch Zuleyra die Verschleierung zunächst nicht vollständig zu durchdringen, doch nahm sie die Präsenz dahinter anders wahr als ihre Geschwister. Während Rethis und Ravira vor allem Bedrohung empfanden, spürte Zuleyra zusätzlich etwas anderes – etwas Dunkles, Fremdartiges und zugleich auf verstörende Weise Greifbares und Begehrenswertes.
So begannen sie damit, den Sphärenwall genauer zu untersuchen.
Wie lange dies dauerte, vermag ich nicht zu sagen. Vermutlich verstrichen Äonen. Doch schließlich entdeckten sie den verborgenen Riss und durchschauten Zharvoks Täuschung.
Zögerlich betraten sie den Spalt und was sich ihnen dort offenbarte, erfüllte selbst diese uralten Wesen mit Entsetzen.
Zharvok war während seiner Verbannung keineswegs untätig geblieben.
Im Inneren des verborgenen Bereichs hatte er ein gewaltiges Heer dämonischer Wesenheiten erschaffen – Kreaturen voller Hass, Chaos und Zerstörungswut, die allein seinem Willen dienten. Bereits seit langer Zeit arbeiteten diese Wesen daran, den Riss im Sphärenwall auszuweiten. Zunächst geschah dies nur innerhalb des Walls selbst, um Raum für weitere Legionen zu schaffen.
Und das Heer wuchs unaufhörlich.
Denn wann immer irgendwo ein sterbliches oder unsterbliches Wesen verging, gelangte dessen Seele schließlich an diesen Ort. Dort wurde sie vom Dämonenherz verschlungen, verdorben und zu einer neuen dämonischen Kreatur umgeformt.
Rethis, Ravira und Zuleyra begriffen sofort die Tragweite dessen, was sie entdeckt hatten.
Zharvok hatte sie erneut getäuscht.
Sollte es ihm gelingen, den Riss weiter auszudehnen und seine Legionen vollständig zu entfesseln, würden die dritte und schließlich auch die vierte Sphäre von seinem Heer überrannt werden. Weder Sterbliche noch Entitäten wären dann noch sicher.
Die drei Geschwister zogen sich aus dem verborgenen Bereich zurück.
Zuleyra verblieb in der Nähe des Risses, um über ihn zu wachen und notfalls unmittelbar eingreifen zu können. Rethis und Ravira hingegen kehrten nach Aetheron zurück und berichteten Justarion sowie dem Rat der Ordnung von ihrer Entdeckung.
Nach und nach begriffen auch die übrigen Entitäten das wahre Ausmaß von Zharvoks Verrat.
Die Kunde verbreitete sich rasch innerhalb Aetherons, und bald wurden weitere Geschwister eingeweiht. Allen war bewusst, dass ihnen nur wenig Zeit blieb.
Würden sie zu lange zögern, wäre Zharvok irgendwann nicht mehr aufzuhalten.
Fünfte Sphäre: Das Totenreich
Die Entitäten Aetherons beschlossen zunächst, dem stetigen Anwachsen des dämonischen Heeres Einhalt zu gebieten. Es galt zu verhindern, dass weiterhin zahllose Seelen unkontrolliert in Zharvoks Fänge gerieten und so seine Legionen vergrößerten.
Es war Morveth, der die Zusammenhänge als Erster vollständig begriff.
Während viele seiner Geschwister vor allem die unmittelbare Bedrohung durch Zharvok und dessen Dämonenheer betrachteten, erkannte Morveth das eigentliche Problem: Solange die Seelen Verstorbener weiterhin ziellos durch den Kosmos trieben, würde das Dämonenheer niemals aufhören zu wachsen.
Gemeinsam beschlossen die Entitäten daher, einen neuen Ort zu erschaffen – eine weitere Sphäre innerhalb der dritten Sphäre, bestimmt allein für die Seelen der Verstorbenen.
So entstand die fünfte Sphäre: das Totenreich.
Fortan sollten die Seelen Verstorbener nicht länger heimatlos durch den Kosmos treiben oder gar ins Draußen gelangen, sondern in das Totenreich einfahren. Und so geschieht es, nach allem, was wir wissen, bis heute.
Wie die anderen großen Sphären zuvor wurde auch das Totenreich von einer metaphysischen Barriere umgeben. Besonders wichtig war dabei, Zharvoks Einfluss fernzuhalten und ihm den Zugriff auf die dort verweilenden Seelen zu verwehren.
Mit der Erschaffung des Totenreichs begann sich auch Morveth selbst zu verändern.
Er zog sich zunehmend aus Aetheron zurück und widmete sich fortan beinahe vollständig der fünften Sphäre sowie den dort einkehrenden Seelen. Dennoch wurde ihm zugestanden, Aetheron jederzeit betreten zu dürfen, sollte er dies wünschen.
Doch noch etwas anderes geschah.
Morveth fand einen Weg, sich von der Macht des Energiereservas Aetherons unabhängig zu machen. Während die meisten seiner Geschwister weiterhin auf die vierte Sphäre angewiesen blieben, begann Morveth fortan, seine Kraft aus der Mehrung und Anwesenheit der Seelen im Totenreich selbst zu ziehen.
Dies erklärt womöglich auch, weshalb Morveth bis heute zu den mächtigsten Göttern gehört.
Denn solange Wesen sterben, wächst auch seine Macht.
Die Dämonenflut
Nachdem die fünfte Sphäre erschaffen worden war, begannen die Seelen der Verstorbenen ins Totenreich einzukehren, anstatt ziellos durch den Kosmos zu treiben oder gar ins Draußen zu gelangen.
Und bald schon bemerkte Zharvok das Ausbleiben dieses Nachschubs.
Das Wachstum seines dämonischen Heeres verlangsamte sich plötzlich spürbar. Ihm war sofort bewusst, dass seine Geschwister eingegriffen haben mussten. Was er jedoch nicht ahnte: Während er seine Legionen im Verborgenen sammelte, hatten auch die Entitäten Aetherons längst begonnen, eigene Streitkräfte zu mobilisieren, um ihm entgegenzutreten.
Nichtsahnend ließ Zharvok seine Dämonen den Riss weiter ausweiten.
Mit der Zeit wurde der Spalt groß genug, dass mehrere Dämonen gleichzeitig hindurchdrängen konnten. Doch dies genügte Zharvok noch nicht. Sein Ziel war es, den Riss so weit zu öffnen, dass sein gesamtes Heer in einem einzigen Vorstoß in die dritte Sphäre eindringen und schließlich selbst Aetheron überrennen konnte.
Dazu kam es glücklicherweise nicht.
Als die ersten Dämonen den Rand des Risses erreichten, um ihn weiter aufzubrechen, erwartete sie bereits eine gewaltige Streitmacht aus Entitäten und ihren Verbündeten, zahllosen Elementarwesen der zweiten Sphäre.
Und so begann der Dämonenkrieg.
Das dämonische Heer drängte aus dem Draußen in das Innere der dritten Sphäre, und der Raum rund um den Sphärenriss wurde zum größten uns bekannten Schauplatz, einer Schlacht von unvorstellbarem Ausmaß.
Doch der Krieg blieb nicht auf den Sphärenwall beschränkt.
Schon bald breitete sich der Konflikt bis nach Gotara selbst aus, und so fielen die ersten Dämonen in die Welt der Sterblichen ein. Ganze Landstriche wurden verwüstet, frühe Reiche ausgelöscht und zahllose Wesen vernichtet.
Auch die Sterblichen mussten schließlich zu den Waffen greifen.
So kam es zu den ersten großen Kämpfen zwischen Sterblichen und Dämonen.
Unter gewaltigen Verlusten gelang es den vereinten Streitkräften aus unsterblichen Entitäten, Elementaren sowie Sterblichen irgendwann, Zharvok und seine formlosen Legionen wieder zurück in den Riss und das äußere Chaos zu drängen. Doch der Preis dieses Sieges war entsetzlich.
Der Krieg hatte das gesamte vierte Zeitalter überschattet und unzählige Opfer gefordert.
Viele der gerade erst entstandenen Völker und Kreaturen gingen in jener Zeit bereits wieder unter. Andere überlebten nur in kleinen Resten. Selbst unter den Unsterblichen forderte der Krieg seinen Tribut. Entitäten wie Bryndor, Dravonar, Faelor, Rhydamir und Ulmerys wurden vernichtet oder zerschmettert, während andere derart geschwächt wurden, dass sie in Bedeutungslosigkeit versanken oder sich in einen endlosen Schlaf zurückziehen mussten, um ihre Kräfte über viele Zeitalter hinweg zu regenerieren.
Doch nicht nur die Bewohner der Sphären wurden von diesem Krieg gezeichnet.
Auch der Kosmos selbst trägt bis heute seine Narben.
Blickt in jenen Nächten, in denen die Angst umgeht, hinauf zum Firmament. Dort stehen zwei rote Sterne, welche die Sterblichen seit uralter Zeit „Das brennende Antlitz“ nennen.
Viele Gelehrte und Propheten behaupten, es handle sich dabei um Ausprägungen Zharvoks Augen.
Je heller sie leuchten, desto stärker, so heißt es, sei sein Einfluss auf unsere, die dritte Sphäre.
Manche Prophezeiungen gehen sogar noch weiter. Sie warnen davor, dass aus diesen beiden roten Gebilden am Firmament eines Tages ein vollständiges Gesicht und schließlich ein ganzer Körper hervortreten könnte – ein Zeichen dafür, dass der Riss im Sphärenwall endgültig nachgegeben hat und die dämonischen Legionen unaufhaltsam über die Existenz hereinbrechen werden.
Ob darin Wahrheit liegt oder lediglich die uralte Furcht der Sterblichen vor dem Draußen, vermag niemand mit Gewissheit zu sagen.
Die Neuordnung Aetherons
Nach ihrem Sieg über die Dämonen waren selbst die kriegerischsten unter den Unsterblichen des Kämpfens müde – zumindest für eine Zeit. Zu groß waren die Verluste gewesen, zu tief die Wunden, welche der lange Krieg hinterlassen hatte. So erkannten viele der unsterblichen Entitäten schließlich, dass es an der Zeit war, Frieden zu schließen – zumindest untereinander.
Doch damit stellte sich eine neue Frage:
Wie sollte es nun weitergehen?
Dass Zharvok fortan ausgeschlossen bleiben würde, musste niemand mehr aussprechen. Sein Verrat hatte jede Grenze überschritten, und kein Wesen innerhalb Aetherons zweifelte daran, dass er fortan als Feind aller Existenz betrachtet werden musste.
Nach langen Beratungen und Verhandlungen beschlossen die Unsterblichen schließlich, ihre Ordnung grundlegend neu zu gestalten.
Fortan sollten feste Aufgaben und Verantwortlichkeiten unter ihnen verteilt werden. Nicht länger sollte jede Entität wahllos ihren eigenen Interessen folgen. Stattdessen entstanden erstmals klar definierte Rollen innerhalb der Ordnung Aetherons.
So wurden beispielsweise Azrakar, Karvelion, Vaelmaris und weitere mit der Aufsicht über die Elemente betraut, während sich andere verstärkt den Belangen der sterblichen Welt widmen sollten, darunter Belthara, Nareen oder Thaleira.
Mit diesen Entscheidungen begann sich auch die Natur der Unsterblichen selbst zu verändern.
Denn um ihre neuen Aufgaben erfüllen zu können, benötigten sie nicht nur große Macht, sondern auch Gefolge, Diener und feste Wirkungsbereiche. So entstanden erstmals jene Strukturen, die wir heute als göttliches Pantheon kennen.
Aus den Entitäten wurden Götter.
Zwar noch nicht vollständig in jener Form, in der wir sie heute verehren, doch ihre grundlegenden Rollen und Zuständigkeiten standen nun fest.
Die genaue Zahl der Götter wurde dabei bewusst nicht starr festgelegt. Manche Aufgaben konnten von mehreren Gottheiten gemeinsam getragen werden, während andere einzelne Götter zugleich mehrere Verantwortlichkeiten übernahmen.
All diese Festlegungen wurden von Justarion und dem Rat der Ordnung überwacht und schließlich als verbindliche Gesetze innerhalb Aetherons festgeschrieben.
Doch eine Aufgabe ragte über alle anderen hinaus.
Allen war bewusst, dass Zharvok und seine Dämonenheere keineswegs endgültig besiegt worden waren. Sie hatten sich lediglich zurückgezogen. Niemand konnte mit Gewissheit sagen, ob oder wann ein weiterer Angriff folgen würde.
Daher wurde beschlossen, eine besondere Hüterfunktion zu erschaffen – eine Wacht über den äußeren Sphärenwall und den dämonischen Riss, wie er fortan genannt werden sollte.
Zuleyra erklärte sich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen.
Sie verließ Aetheron und zog an den Rand der Existenz, dorthin, wo der Riss im dritten Sphärenwall verborgen lag. Viele ihrer Geschwister versuchten zuvor noch, den Riss vollständig zu verschließen, doch all ihre Bemühungen scheiterten.
Bis heute streiten Gelehrte darüber, weshalb dies nicht möglich war.
Einige vermuten, dass die schöpferische Macht der Urprinzipien selbst den Wall auf eine Weise geformt hatte, die nicht einfach verändert werden konnte. Andere glauben wiederum, dass das Dämonenherz den Riss offen hielt und jede Heilung verhinderte.
Vielleicht werden wir die Wahrheit eines Tages erfahren.
Vielleicht aber auch niemals.
Sechste Sphäre: Die Höllensphäre
Da sich der Riss nicht verschließen ließ, entschieden sich die Götter schließlich für eine andere Lösung.
Sie erschufen eine weitere Sphäre:
die sechste Sphäre: die Höllensphäre.
Diese neue Sphäre wurde unmittelbar um den Bereich des dämonischen Risses errichtet und ebenfalls von mächtigen metaphysischen Barrieren umgeben. Sollte es Zharvok und seinen Dämonen jemals gelingen, den Riss erneut auszuweiten und vorzustoßen, müssten sie zunächst die Ebenen der Höllensphäre durchqueren, deren Mauern überwinden und erst danach könnten sie erneut in die dritte Sphäre eindringen.
Die Höllensphäre wurde somit zur ersten Verteidigungslinie gegen Zharvok, dem Emanator und seine Dämonenscharr.
Doch allen war bewusst, dass selbst Zuleyra diese Aufgabe nicht allein bewältigen konnte.
Und so trat erneut Morveth hervor.
Er schlug vor, fortan nicht mehr jede Seele gleichermaßen ins Totenreich aufzunehmen. Stattdessen sollte über jede Seele geurteilt werden.
So entstand die Seelenwaage.
Ihr kennt sie sicherlich aus den Erzählungen:
jene düstere Waage am Eingang des Totenreichs, vor der jede Seele nach ihrem Tod erscheinen soll.
Dort werden die strahlenden und finsteren Aspekte eines Wesens gegeneinander abgewogen. Überwiegen die lichten Eigenschaften, darf die Seele frei ins Totenreich eintreten. Befinden sich beide Seiten im Gleichgewicht, verbleibt die Seele zwar ebenfalls im Totenreich, jedoch nicht in Freiheit. Stattdessen tritt sie in Morveths Dienste. Überwiegen jedoch die finsteren Aspekte, wird die Seele nicht ins Totenreich aufgenommen, sondern in die sechste Sphäre geführt und Zuleyras Diensten unterstellt, um fortan den Kosmos und so auch Gotara gegen die Dämonen zu verteidigen.
Und so geschah etwas Bemerkenswertes:
Jene Wesen, die viele Sterbliche heute als Teufel bezeichnen, entstanden nicht als Feinde der Ordnung, sondern als deren Wächter.
Zuleyra selbst gewann durch diese neue Aufgabe zusätzlich an Macht. Nicht allein die ihr überlassenen Seelen stärkten sie, sondern auch ihre Nähe zum Dämonenherz inmitten des Risses. Zwar stand sie dessen Macht nicht so nahe wie Zharvok, doch genügt scheinbar bereits diese Nähe, um sie für ihre Aufgabe zu ermächtigen.
Und so wurde aus Zuleyra die erste Wächterin der Höllensphäre – Die Padishar der Hölle.
Nur zu gerne hätte ich euch mehr von einer Blütezeit Gotaras während dieses Zeitalters berichtet. Doch beinahe alles, was ich über jene Zeit fand, handelte von Zharvoks Verrat, der Dämonenflut, der Entstehung des Totenreichs und der Erschaffung der Höllensphäre.
Damit endet schließlich auch das vierte Zeitalter.
Die Schlachten des vierten Zeitalters hatten tiefe Narben im Angesicht der Welt hinterlassen.
Große Teile des Landes und selbst ganze Meere lagen unter gewaltigen Eispanzern begraben, während andernorts Feuer speiende Berge die Umgebung verheerten. Gewaltige Erdbeben hatten bodenlose Spalten durch die Welt gerissen, und gewaltige Springfluten verschlangen fruchtbare Küsten und ganze Landschaften.
Gotara war gezeichnet vom Krieg gegen die Dämonen.
Doch mit dem nun eingekehrten Frieden begann sich die Welt allmählich zu erholen.
Die Natur gewann langsam zurück, was Krieg und Chaos ihr entrissen hatten. Pflanzen breiteten sich erneut über verwüstete Landstriche aus, Tiere kehrten in verlassene Regionen zurück, und schon bald entstanden wieder gewaltige Wälder, weite Steppen und neue Lebensräume voller Kreaturen.
Auch die Ozeane und Gebirge füllten sich erneut mit Leben.
Während die Sterblichen ihre ersten Schritte aus den Trümmern der vergangenen Zeitalter machten, begann Gotara erstmals, nicht nur zu überleben, sondern wahrhaft zu erblühen.
Doch der auch der Frieden jener Zeit war trügerisch.
Denn während die Welt selbst zur Ruhe kam, begannen die Götter damit, ihren Einfluss auf die Sterblichen neu zu ordnen – und damit nahm das fünfte Zeitalter seinen Lauf.
Der Rückzug der Götter
Nachdem die Ordnung in Aetheron wiederhergestellt und die Aufgaben unter den Göttern neu verteilt worden waren, verkündete Justarion zu Beginn des fünften Zeitalters – selbstverständlich erst nach Beratungen mit dem Rat der Ordnung – eine neue Leitlinie für die Bewohner der vierten Sphäre.
Die dritte Sphäre, so erklärte er, solle fortan nicht länger der eigentliche Aufenthaltsort der Götter sein.
Dabei handelte es sich jedoch nicht um ein festes Gesetz oder unumstößliches Gebot, sondern vielmehr um eine Art Verhaltenskodex. Justarion war der Ansicht, dass die Götter Abstand zur Welt der Sterblichen wahren sollten, um nicht erneut durch unmittelbares Eingreifen Chaos, Abhängigkeit oder neue Konflikte hervorzurufen.
Viele Götter stimmten ihm rasch zu.
Da sich ohnehin bereits zahlreiche Gottheiten dauerhaft in Aetheron niedergelassen hatten, schlossen sich mit der Zeit auch die meisten übrigen dieser Haltung an.
Doch nicht alle waren damit einverstanden.
Einige fühlten sich der Welt Gotaras und ihren Bewohnern weit stärker verbunden als den ewigen Hallen Aetherons. Besonders Aturion, Caelyth und Ydrassil standen dem Beschluss kritisch gegenüber. Sie beobachteten die Sterblichen, sahen deren Mühen, Hoffnungen, Ängste und Kämpfe. Sie empfanden darin mehr Sinn als im endlosen Machtgerangel vieler Götter.
Mit dieser Haltung standen sie keineswegs allein.
Auch andere Gottheiten empfanden die dritte Sphäre als ihre eigentliche Heimat und wollten lieber unter den Wesen Gotaras verweilen, anstatt sich ausschließlich mit anderen Göttern und den ewigen Konflikten um Macht und Einfluss zu beschäftigen.
Diejenigen jedoch, die sich endgültig nach Aetheron zurückzogen, begegneten dieser Entscheidung oft mit Unverständnis oder gar Verachtung. Manche hielten die Zurückbleibenden für zu schwach oder zu einfältig, um sich innerhalb Aetherons behaupten zu können.
Dabei lag vielen von ihnen überhaupt nichts daran, den Rang oder die Macht einer Gottheit anzustreben.
Sie verachteten die Intrigen, Machtkämpfe und den niemals endenden Konflikt zwischen den Göttern und den Dämonen jenseits des Sphärenwalls.
Und so trafen jene von ihnen schließlich eine bemerkenswerte Entscheidung:
Sie verzichteten freiwillig auf ihre göttliche Existenz.
Anstatt als ewige Wesen weiterzubestehen, entschieden sie sich dafür, selbst sterblich zu werden und fortan das Schicksal der gewöhnlichen Bewohner Gotaras zu teilen – mit allem, was dazugehört:
Freude und Leid, Hoffnung und Verlust, Alter und Tod. Und vielleicht, eines Tages, sogar das Vergessenwerden. Es sollte jedoch erwähnt werden, dass ihr Altern nur langsam voranschritt und sie dennoch Jahrtausende überdauerten.
Die ersten Auserwählten
Der feste Rückzug nach Aetheron bedeutete keineswegs, dass die Götter fortan auf ihren Einfluss über die Welt der Sterblichen gänzlich verzichten wollten. Dazu war ihnen Gotara noch immer zu wichtig – und die Versuchung zu groß, die Geschicke der Welt nach ihren eigenen Vorstellungen zu lenken.
Doch anders als zuvor übten sie ihren Einfluss nun nur noch selten persönlich aus.
Stattdessen begannen die Götter damit, sich sterblicher Abgesandter zu bedienen.
Zu diesem Zweck erwählten sie einzelne Wesen, denen sie vorübergehend einen Teil ihrer Macht verliehen. Im Gegenzug erhielten diese Auserwählten die Aufgabe, ihre Völker im Sinne der jeweiligen Gottheit zu führen, zu beeinflussen oder deren Willen zu verbreiten.
Durch die verliehenen Gaben stiegen viele dieser Auserwählten rasch zu Anführern, Beratern, Schamanen oder bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Gemeinschaften auf. Oft waren sie stärker, klüger oder schlicht begabter als ihre Artgenossen und erreichten nicht selten ein ungewöhnlich hohes Alter – unsterblich wurden sie dadurch jedoch nicht.
Darüber hinaus verfügten manche von ihnen über Fähigkeiten, die gewöhnlichen Sterblichen verwehrt blieben.
Einige vermochten die Elemente ihrer Heimat zu beeinflussen, andere konnten Gedanken lenken oder die Astralen Ströme der Welt formen und verändern. Wieder andere besaßen prophetische Visionen oder außergewöhnliche Heilkräfte.
Mit dem Wirken dieser Auserwählten entstanden schließlich die ersten echten Kulte Gotaras, zumindest aus heutiger Sicht.
Sterbliche begannen, ihren Göttern durch Gebete, Opfergaben und Rituale Respekt zu erweisen. Unterschiedliche Glaubensvorstellungen entwickelten sich, ebenso erste theologische Lehren darüber, wie die Götter beschaffen seien und was sie von ihren Anhängern erwarteten.
Manche der Auserwählten behaupteten sogar, unmittelbar im Namen ihrer Gottheit zu sprechen.
Doch vieles davon beruhte eher auf Interpretation als auf tatsächlichem göttlichen Wissen.
Denn zu jener Zeit hatte noch keine Gottheit einem Priester dauerhaften Zugang zu ihrer Macht gewährt, und auch das Prinzip der Ordination existierte noch nicht. Die meisten religiösen Lehren jener Epoche entstanden daher aus Vermutungen, Visionen, Missverständnissen oder den persönlichen Ansichten jener Sterblichen, die behaupteten, den Willen der Götter zu verstehen.
Und nicht wenige nutzten diese Stellung schlicht aus Machtgier aus.
Die Herrscher der wilden Welt
Nicht alle Götter fühlten sich den denkenden Sterblichen gleichermaßen verbunden. Einige von ihnen empfanden größere Nähe zu den wilden Geschöpfen Gotaras – zu Tieren, Bestien, Drachen oder anderen Kreaturen, die noch enger mit den ursprünglichen Kräften der Welt verbunden waren.
Und so beschlossen auch diese Götter, ihre eigenen Auserwählten unter den unterschiedlichen Arten zu erschaffen.
Zunächst verliehen sie mehreren Exemplaren einer Art besondere Fähigkeiten und göttliche Gaben. Doch schon bald zeigte sich, dass die Ergebnisse nicht immer ihren Vorstellungen entsprachen.
Vor allem Schwarm- und Herdentiere entwickelten unter der Führung ihrer Auserwählten eine gefährliche Übermacht. Ganze Rudel oder Herden fielen über andere Arten her und drohten diese vollständig auszurotten.
Gewiss – auch die sogenannten kulturerschaffenden Völker neigten zu ähnlichem Verhalten. Doch bei ihnen geschah dies langsamer und meist begleitet von gesellschaftlicher Entwicklung, Bündnissen oder Regeln. Die wilden Kreaturen hingegen folgten oft unmittelbar ihren Instinkten.
Andere Arten wiederum profitierten kaum von ihren Auserwählten.
Einzelgängerische Wesen behielten meist ihre isolierte Lebensweise bei und nutzten ihre besonderen Vertreter nur selten zum Wohl ihrer Artgenossen.
So kamen einige Götter schließlich zu einer neuen Erkenntnis:
Anstatt viele Auserwählte einer Art zu erschaffen, sollte künftig nur noch ein einziges Wesen als Vertreter seiner gesamten Spezies dienen.
Dieses eine Geschöpf statteten sie dafür mit außergewöhnlicher Weisheit aus – und mit dem Verständnis für seinen eigenen Platz im Gleichgewicht der Welt.
So entstand das Konzept der „Tierkönige“.
Ein solcher Herrscher war nicht dazu bestimmt, seine Feinde wahllos zu vernichten, sondern das Gleichgewicht seiner Art zu bewahren. Der Tierkönig der Ziegen etwa wäre durchaus klug genug gewesen, ein Wolfsrudel vollständig in eine tödliche Falle zu locken. Doch er tat dies nur dann, wenn die Wölfe im Begriff standen, die gesamte Herde auszulöschen. Solange lediglich alte, kranke oder junge Tiere gerissen wurden und der Bestand der Ziegen nicht ernsthaft gefährdet war, griff er nicht ein.
Insbesondere Lythara zeigte sich von dieser Idee tief beeindruckt.
Sie erhob einige dieser Herrscherwesen noch weiter über gewöhnliche Kreaturen hinaus und verlieh ihnen zusätzlich die Gabe der Unsterblichkeit. Dadurch standen diese Tierkönige schließlich selbst über den meisten Auserwählten der denkenden Völker, die weiterhin sterblich blieben.
Doch Lytharas Einfluss beschränkte sich nicht allein auf Tiere.
Auch manche Pflanzenarten erhielten fortan eigene Herrscherexemplare – uralte Wesenheiten, die über Wälder, Sümpfe oder andere Lebensräume wachten und das natürliche Gleichgewicht bewahrten.
In jener Zeit kehrten zudem erstmals wieder einige Feenwesen nach Gotara zurück.
Wir erinnern uns: Die Feen hatten die Welt einst verlassen. Doch nachdem Gotara sich gewandelt hatte und die Natur wieder erstarkte, fühlten sich manche von ihnen erneut von der dritten Sphäre angezogen.
Ihre Rückkehr verlief jedoch alles andere als reibungslos.
Feenwesen waren und blieben unstete Geschöpfe – launenhaft, verspielt und oft kaum an Regeln oder Ordnung interessiert. Bald drohten daraus neue Konflikte mit anderen Bewohnern Gotaras zu entstehen.
Erst Sylvaris gelang es schließlich, eine Eskalation zu verhindern.
Sie nahm sich der zurückgekehrten Feenwesen an und wies ihnen bestimmte Gebiete zu, in denen sie fortan wirken sollten. Zwar ließ sie ihnen ihre freiheitliche und wechselhafte Natur, doch setzte sie zugleich Grenzen, die das Gleichgewicht der Welt schützen sollten.
Und erstaunlicherweise hielten sich die meisten Feen tatsächlich an diese Vorgaben.
So verdorrte die aufkeimende Saat eines weiteren großen Konflikts, noch ehe sie vollständig aufgehen konnte.
Die Gesandten der Götter
Nicht alles entwickelte sich so, wie die Götter es sich erhofft hatten.
Zwar hatten viele Völker die Existenz der Götter anerkannt und begannen, deren Auserwählte zu verehren, doch andere begegneten ihnen mit Misstrauen, Ablehnung oder offenem Hass.
Besonders deutlich zeigte sich dies bei den Ogern.
So barbarisch uns dieses Volk heute erscheinen mag, galten die Oger jener Zeit als wohl fortschrittlichste Kultur Gotaras. Sie besaßen feste Siedlungen, entwickelten Werkzeuge, betrieben Ackerbau und verfügten bereits über erstaunliche Kenntnisse der Magie. Gerade deshalb empfanden viele von ihnen die Einmischung der Götter als Fremdherrschaft.
Selbst vorsichtige Versuche, einzelne Oger zu Auserwählten zu erheben, scheiterten meist kläglich.
Viele dieser Erwählten wurden von ihrem eigenen Volk ausgestoßen oder sogar erschlagen. Die Oger wollten nicht nach den Geboten fremder Mächte leben, sondern allein ihren eigenen Interessen folgen. Und diese Interessen bedeuteten oftmals Krieg, Raub und Hunger.
In jener Zeit fielen Ogerstämme regelmäßig über die Siedlungen anderer Sterblicher her, plünderten ihre Vorräte und verschlangen ihre Bewohner. Man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass selbst dieses „fortschrittlichste Volk“ der Epoche noch weit von den Hochkulturen späterer Zeitalter entfernt war.
Doch nicht nur unter den gewöhnlichen Sterblichen regte sich Widerstand.
Auch einige jener Wesen, die einst selbst göttliche Entitäten gewesen waren und sich bewusst gegen ein Leben in Aetheron entschieden hatten, lehnten den wachsenden Einfluss der Götter ab.
Besonders Aturion, Caelyth und Ydrassil widersetzten sich offen und im Verborgenen dem Versuch, Gotara aus der Ferne zu lenken. Sie sahen in den Bewohnern der dritten Sphäre keine Spielfiguren göttlicher Machtkämpfe, sondern Wesen mit dem Recht auf ein eigenes Schicksal.
Die Götter jedoch hielten zunächst an ihrem Entschluss fest, die dritte Sphäre nicht persönlich zu betreten.
Sie hofften weiterhin, ihre Auserwählten würden genügen, um irgendwann Ordnung zu schaffen und die Völker zu lenken. Doch nach zahlreichen Rückschlägen mussten selbst die Götter erkennen, dass dies nicht ausreichte.
Und so entstand ein neuer Plan.
Die Götter beschlossen, mächtige Stellvertreter zu erschaffen – Wesen, die ihnen in der dritten Sphäre dienen und ihre Herrschaft unmittelbar durchsetzen sollten.
Diese Kreaturen mussten den Sterblichen weit überlegen sein. Sie sollten weder altern noch sterben und über Kräfte verfügen, gegen die selbst die mächtigsten Auserwählten kaum bestehen konnten.
Justarion handelte dabei klug genug, sämtliche Götter an diesem Schöpfungsprozess zu beteiligen. Zu groß war die Gefahr von Neid und neuem Streit innerhalb Aetherons.
Und so erschuf schließlich jede Gottheit ein Wesen nach ihren eigenen Vorstellungen.
So entstanden die ersten Herolde der Götter.
Aturion, Caelyth, Ydrassil und die anderen einstigen Entitäten, die inzwischen selbst als Sterbliche auf Gotara lebten, wurden dabei nicht um ihre Meinung gebeten. Manche von ihnen stellten sich offen gegen die neuen Herren, andere verweigerten ihnen schlicht die Anerkennung und mieden ihre Herrschaft, wo immer dies möglich war.
Auch viele gewöhnliche Sterbliche unterwarfen sich den Herolden keineswegs freiwillig.
Doch die Herolde jener Zeit waren gewaltige Wesen von beinahe erschreckender Macht. Sie überragten die Sterblichen nicht nur körperlich um ein Vielfaches, sondern verfügten auch über göttliche Fähigkeiten, gegen die selbst die mächtigsten Auserwählten nicht ankamen.
Widerstand wurde oft grausam niedergeschlagen.
Manche Völker wurden vollständig vernichtet, andere versklavt oder unterworfen. Nur wenigen gelang es, sich dem Einfluss der Herolde dauerhaft zu entziehen – verborgen in entlegenen Wildnissen, tiefen Schluchten, vergessenen Tälern oder den finsteren Tiefen der Ozeane.
Einige der einstigen Götter versuchten, diese freien Völker heimlich zu schützen.
Der Großteil Gotaras jedoch stand schließlich unter der Herrschaft der Herolde.
Um ihre Macht weiter auszubauen, erschufen manche Herolde sogar eigene Abbilder ihrer selbst – deutlich schwächere Kreaturen, die ihnen dienten und ihre Herrschaft absicherten.
So entstanden beispielsweise viele neue der frühzeitlichen Drachenarten Gotaras, darunter Lindwürmer, Drachenschildkröten oder Kaiserdrachen, neben zahllosen weiteren Kreaturen, deren Ursprung auf die Herolde jener Zeit zurückgeführt wird.
Die ersten Städte Gotaras
Unter der Herrschaft der Herolde und ihrer geringeren Abbilder entstanden erstmals wirklich große Siedlungen auf Gotara.
Zwar verspürten nicht alle Herolde den Wunsch, selbst innerhalb von Städten zu leben, doch die meisten erkannten rasch die Vorteile zentralisierter Herrschaft. Große Ansammlungen von Sterblichen ließen sich leichter kontrollieren, beschützen, beeinflussen – und im Zweifelsfall auch strafen.
So entstanden gewaltige Siedlungen aus Stein, Holz und manchmal sogar aus Materialien, deren Herkunft heute nicht mehr eindeutig geklärt werden kann. Einige dieser Städte dienten als Machtzentren der Herolde, andere als Orte des Handels, der Verehrung oder als Sammelpunkte ihrer Dienervölker.
Manche der frühen Städte sollen von riesigen Mauern umgeben gewesen sein, andere wiederum direkt in Gebirge, Küstenklippen oder gewaltige Wälder hineingebaut worden sein. Besonders die Abbilder der Herolde – darunter viele frühe Drachenwesen – zwangen oft ganze Völker dazu, an solchen Orten zu arbeiten.
Doch nur wenige dieser frühzeitlichen Bauwerke überstanden die folgenden Zeitalter.
Die meisten gingen irgendwann unter, wurden in Kriegen zerstört, von Naturgewalten verschlungen oder schlicht verlassen und vergessen. Ganze Städte verschwanden unter Eis, Sand, Sümpfen oder den Fluten der Meere.
Und selbst diese Ruinen jener Monumente sind oftmals nur noch Schatten ihrer einstigen Größe und Bedeutung.
Unter Gelehrten gilt es als wahrscheinlich, dass gerade jene Bauwerke die Zeiten überdauerten, die auch in späteren Zeitaltern weiterhin von Bedeutung blieben oder immer wieder neu besiedelt wurden.
Erstaunlicherweise existieren aus jener frühen Epoche jedoch kaum größere, geschweige denn vollständige Aufzeichnungen.
Viele Historiker vermuten daher, dass umfangreiche Überlieferungen, Archive und systematische Geschichtsschreibung erst deutlich später entstanden – vermutlich begann man damit erst, als die Herolde sich allmählich wieder aus der dritten Sphäre zurückzogen.
Doch das geschah erst lange nach den Ereignissen dieser frühen Epoche des fünften Zeitalters.
Der zerbrochene Gleichklang
Ebenso wie die Götter selbst zu Neid, Stolz und Streit neigten, waren sich auch ihre Herolde keineswegs einig.
Die unterschiedlichen Ansichten, Ziele und Wertvorstellungen, die sie von ihren jeweiligen Erschaffern übernommen hatten, führten schon bald zu Spannungen. Selbst über die Aufteilung ihrer Herrschaftsgebiete konnten sie keine dauerhafte Einigung erzielen.
Und genau dies erkannten Aturion, Caelyth und Ydrassil.
Die einstigen Entitäten, die freiwillig auf ihre göttliche Existenz verzichtet hatten, erkannten rasch die tiefen Gegensätze zwischen den Herolden. Gemeinsam begannen sie, durch die Welt zu reisen und Kunde über das Wirken einzelner Herolde in fremden Herrschaftsgebieten zu verbreiten.
Dabei bedurfte es oftmals weder Halbwahrheiten noch großer Übertreibungen.
Die Ansichten, Methoden und Wertvorstellungen der Herolde unterschieden sich bereits so stark voneinander, dass vielerorts schon die schlichte Wahrheit genügte, um Misstrauen, Ablehnung oder Zorn unter ihnen zu entfachen.
An einem Ort erzählten sie von Grausamkeiten eines bestimmten Herolds, andernorts von Verrat oder Übergriffen eines anderen. Die meisten dieser Geschichten entsprachen der Wahrheit, andere waren übertrieben oder bewusst zugespitzt. Doch ihren Zweck erfüllten sie. Denn die Kunde verbreitete sich rasch über ganz Gotara.
Die Herolde selbst erfuhren von jenen Erzählungen, ohne jedoch zu erkennen, wer hinter all dem stand. Und so wuchsen unter ihnen Argwohn, Missgunst und gegenseitiges Misstrauen immer weiter an.
Bald schon wandelten sich Spannungen in offene Feindschaft.
Es entbrannten bittere Auseinandersetzungen zwischen den Herolden und ihren Dienervölkern – Kriege, die ganze Regionen verheerten und zahllose Kulturen auslöschten. Manche Völker verschwanden vollständig aus der Geschichte, noch ehe spätere Zeitalter überhaupt begonnen hatten.
Besonders verheerend war dabei, dass selbst vermeintliche Verbündete immer wieder aneinandergerieten.
Dadurch entstanden schwere Loyalitätskonflikte unter den Sterblichen. Völker wurden gespalten, Bündnisse zerbrachen, Verrat und Bürgerkriege breiteten sich aus. Manche Fraktionen vereinten sich später erneut, andere blieben für immer verfeindet.
Die Sterblichen, die ursprünglich lediglich Diener ihrer göttlichen Herren hatten sein sollen, wurden so unweigerlich in die Machtkämpfe der Herolde hineingezogen.
Und mitten in diesem Chaos verloren sich schließlich auch die Spuren von Aturion, Caelyth und Ydrassil.
Spätere Aufzeichnungen erwähnen ihre Namen kaum noch. Ob sie in den Wirren jener Zeit starben, ermordet wurden oder einfach in Vergessenheit gerieten, vermag heute niemand mehr mit Gewissheit zu sagen.
Der Wandel der Herolde
Die Götter beobachteten die Entwicklungen auf Gotara mit wachsender Verwunderung.
Ihr Plan hatte ihnen einst vernünftig und notwendig erschienen. Die Herolde sollten Ordnung bringen, die Sterblichen führen und die Welt im Sinne ihrer göttlichen Erschaffer formen. Viele der Götter hatten sogar gehofft, die Bewohner Gotaras würden ihnen dafür Verehrung und Dankbarkeit entgegenbringen.
Doch das Gegenteil geschah.
Je länger die Herrschaft der Herolde andauerte, desto mehr Blut wurde vergossen. Zivilisationen gingen unter, ganze Völker verschwanden, und selbst dort, wo Frieden herrschte, wuchs unter den Sterblichen oft eher Furcht als Ehrfurcht gegenüber den Göttern.
Viele begannen, sich innerlich von ihren göttlichen Herren abzuwenden.
Justarion und der Rat der Ordnung beratschlagten lange über diese Entwicklung. Schließlich kamen sie zu dem Schluss, dass die Herolde in ihrer bisherigen Form nicht weiter bestehen sollten.
Fortan sollten die Gesandten der Götter keine materiellen Wesen mehr sein.
Keine gewaltigen Herrscher aus Fleisch, Schuppen oder Stein, die Reiche regierten und Kriege führten, sondern vielmehr immaterielle Erscheinungen – subtile Präsenzen, die nur noch indirekt Einfluss auf die Welt nehmen sollten.
Dieser Beschluss wurde schließlich in den Gesetzen Aetherons verankert.
Die Götter riefen ihre Herolde daraufhin zurück in die vierte Sphäre, wo diese gewandelt wurden. Ihre körperlichen Formen vergingen, während ihre Essenz erhalten blieb und sich in etwas Neues wandelte.
Seit jener Zeit erscheinen die Herolde nur noch selten und meist auf kaum greifbare Weise.
Der Herold Lytharas etwa zeigt sich nicht mehr als gewaltiges Wesen, sondern eher als eine spürbare Präsenz innerhalb der Natur selbst – als Bewegung zwischen den Ästen eines Waldes, als Wispern im Wind oder als plötzlich eintretende Harmonie unter Tieren und Pflanzen.
Nachhall der Heroldenzeit
Nachdem die einst materiellen Herolde die dritte Sphäre verlassen hatten, um später als immaterielle Erscheinungen zurückzukehren, begann eine Zeit, in der die Sterblichen Gotaras weitgehend sich selbst überlassen blieben.
Doch die Folgen der vergangenen Ereignisse wirkten weiterhin nach.
Als Spätfolge der Eingriffe Aturions, Caelyths und Ydrassils sowie der daraus entstandenen Konflikte unter den Herolden breitete sich auch unter den Göttern Aetherons zunehmend Missgunst und Misstrauen aus.
Vereinzelt wurden Stimmen laut, die Justarion und dem Rat der Ordnung vorwarfen, die Entwicklung auf Gotara zu spät erkannt und zu lange untätig zugesehen zu haben. Andere Götter widersprachen entschieden und verteidigten die bestehende Ordnung sowie die Führung Aetherons gegen jede Anschuldigung. Wieder andere hielten sich bewusst aus dem Streit heraus. Sie beobachteten die Entwicklung schweigend und warteten ab, welche Fraktionen langfristig an Einfluss gewinnen würden, um sich zu gegebener Zeit auf die Seite der Stärkeren schlagen zu können.
So wurde das Ende des fünften Zeitalters zunehmend von Zwist innerhalb Aetherons überschattet.
Intrigen wurden gesponnen, Anschuldigungen ausgesprochen, Verbündete verleumdet und politische Bündnisse geschmiedet oder wieder gebrochen. Zu offenen Auseinandersetzungen kam es bei den Göttern jedoch nicht.
Nicht zuletzt deshalb, weil vielen bewusst war, dass nicht allein Justarion oder der Rat der Ordnung versagt hatten. Nahezu alle Götter hätten die Entwicklung der Herolde erkennen und früher eingreifen können – doch keiner von ihnen hatte dies getan.
Die Sterblichen Gotaras wiederum kümmerten sich nur wenig um die Streitigkeiten der Götter – sofern sie davon überhaupt wussten.
Viele waren sogar erleichtert darüber, nicht länger von Herolden beherrscht oder bevormundet zu werden. Zahlreiche Konflikte zwischen den sterblichen Völkern wurden beendet, Waffenstillstände geschlossen und zerstörte Siedlungen wieder aufgebaut.
Gewiss, kleinere Kriege, Fehden und Überfälle verschwanden niemals vollständig aus der Welt. Doch verglichen mit den Verwüstungen der vergangenen Zeit wirkten diese Auseinandersetzungen beinahe unbedeutend.
Und so endete schließlich das fünfte Zeitalter.
Die Götter hatten sich endgültig aus der dritten Sphäre zurückgezogen, die Herolde waren erschienen, verschwunden und schließlich in gewandelter Form zurückgekehrt.
So viel mag ich euch bereits vorwegnehmen: Dies ist das erste Zeitalter, über das ich umfangreiche Aufzeichnungen fand, die nicht nur von den Sphären, den Göttern, den Dämonen oder den uralten Geschehnissen des Kosmos geprägt wurden. Nein, erstmals fand ich zahlreiche Berichte über Gotara, seine Bewohner und die Kulturen, welche sie einst prägten. Und dieses Wissen möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten.
Die Welt befand sich erneut im Wandel. Die Götter hatten sich weitgehend aus der Dritten Sphäre zurückgezogen, und auch ihre Herolde waren nur noch selten und wenn indirekt wahrnehmbar. Ihr Einfluss bestand fort, doch ihre einstige allgegenwärtige Präsenz gehörte der Vergangenheit an.
Währenddessen begann Gotara, die Narben vergangener Zeitalter zu überwinden.
Niedergebrannte Wälder trieben erneut aus. Ausgetrocknete Flussläufe füllten sich wieder mit Wasser und Leben. Tiere breiteten sich in den verlassenen Regionen aus, neue Pflanzen eroberten verwüstete Landschaften zurück, und selbst die tiefsten Ozeane sowie die höchsten Gebirge wurden wieder zu Heimat unzähliger Kreaturen.
Die Natur heilte.
Nun, wenn ich von einer raschen Erholung spreche, dann meine ich dies natürlich aus Sicht der Weltgeschichte. Für Sterbliche wären jene Veränderungen kaum als schnell zu bezeichnen gewesen. Ganze Jahrhunderte vergingen, während Gotara sich von den Wunden früherer Zeitalter erholte. Doch gemessen an den gewaltigen Zeiträumen, von denen diese Chronik berichtet, war dies kaum mehr als ein Augenblick.
Und als die Welt schließlich wieder zur Ruhe gekommen war, begann eine neue Epoche des Wachstums, der Entdeckungen und des Aufstiegs großer Kulturen. Keine der Kulturen jener Zeit sollte Gotara jedoch so nachhaltig prägen wie die Oger.
Die Blüte der Schöpfung
Viele der Götter widmeten sich in jener Zeit verstärkt ihren Schöpfungen und Wirkungsbereichen, jedoch aus dem fernen Aetheron.
Belthara kümmerte sich um die Sterblichen und schenkte ihnen reiche Ernten, während Durgramar Handwerker und Baumeister inspirierte, ihre zerstörten Siedlungen wiederaufzubauen und neue zu errichten. Elenira wachte über Flüsse, Seen und das Leben an ihren Ufern, Kaori ermutigte die Sterblichen, den Wandel anzunehmen und ihre Zukunft selbst zu gestalten, und Lythara ließ Pflanzen sprießen, Wälder wachsen und Tiere sich über die Welt ausbreiten.
Auch Morveth erfüllte weiterhin seine Aufgabe und kümmerte sich um die Seelen der Verstorbenen. Nareen spendete jenen Trost, die unter den Verlusten vergangener Zeiten litten, während Omari sich der Heimatlosen und Suchenden annahm. Ravira lenkte Jäger unmerklich auf die Fährten ihrer Beute, Seran weckte die Sehnsucht nach Reisen und Entdeckungen, Azrakar und Skarveth sorgte dafür, dass Eis, Schnee und Feuer wieder ihren natürlichen Platz in der Welt fanden.
Uryena befähigte einzelne Sterbliche, die astralen Ströme wahrzunehmen und behutsam zu lenken, während Vaelmaris die Meere erneut mit Leben erfüllte, sodass Fischer mit reichen Fängen heimkehrten.
Doch unter all den Schöpfungen und Völkern, denen die Götter ihre Aufmerksamkeit widmeten, ragte eines besonders hervor. Thal'Zura kümmerte sich um die Bestien und urtümlichen Kreaturen Gotaras, doch ihr größtes Interesse galt den Ogern.
Bereits zuvor waren die Oger das wohl fortschrittlichste Volk der Welt gewesen, doch unter Thal'Zuras Einfluss entwickelten sie sich mit bemerkenswerter Geschwindigkeit weiter. Aus kleinen Siedlungen wurden Städte, aus Städten gewaltige Metropolen. Handelswege verbanden entfernte Regionen miteinander.
Ihre Kultur wuchs schneller als jede andere ihrer Zeit. Während viele Völker noch darum rangen, dauerhafte Gemeinschaften zu bilden, errichteten die Oger bereits Zentren des Handels, der Magie und des Wissens. Sie waren der schöpferische Höhepunkt Thal'Zuras und bereits zu Beginn des sechsten Zeitalters den Hochkulturen späterer Zeitalter bereits erstaunlich nahe. Manche Gelehrte vertreten sogar die Ansicht, dass sie in einzelnen Bereichen weiter entwickelt waren als viele Reiche, die Jahrtausende nach ihnen entstanden.
Die Lehrer der Drachen
Während die Oger ihre Städte errichteten und ihre Kultur immer weiter verfeinerten, wandten die Lichtbringer ihre Aufmerksamkeit zunehmend den Drachen zu. Bereits im vorherigen Zeitalter hatten sie begonnen, diese gewaltigen Geschöpfe zu lehren, doch nun vertiefte sich die Verbindung zwischen beiden Völkern.
Unter dem Einfluss der Lichtbringer veränderten sich die Drachen. Sie wurden intelligenter, weiser und begannen, die Welt um sich herum bewusster wahrzunehmen. Einige von ihnen erlernten sogar die Sprache und waren imstande, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Andere entdeckten die astralen Ströme und lernten, diese nach ihrem Willen zu beeinflussen. Aus wilden Urgeschöpfen wurden nach und nach Wesen, die nicht nur über gewaltige Macht, sondern auch über Wissen und Erkenntnis verfügten.
Neben den Ogern waren die Drachen zweifellos das Volk, das sich in jener Zeit am stärksten entwickelte.
Und doch wäre es falsch, Oger oder Drachen als die Krone der Schöpfung jener Epoche zu bezeichnen.
Diesen Platz nahmen die Lichtbringer ein.
Zwar besaßen sie keine Städte, keine Reiche und keine Bauwerke. Sie hinterließen weder Mauern noch Monumente, die den Zahn der Zeit hätten überdauern können. Dennoch überragten sie alle anderen Völker Gotaras an Weisheit, Erkenntnis und Verständnis. Sie lehrten Dinge, die zu jener Zeit sonst niemand wusste, und schienen Zusammenhänge zu begreifen, die anderen verborgen blieben.
Bis heute streiten Gelehrte darüber, woher die Lichtbringer dieses Wissen nahmen. Manche vermuten, sie hätten andernorts bereits über Jahrtausende hinweg Erfahrungen gesammelt. Andere glauben, sie hätten Erkenntnisse aus den astralen Strömen selbst gewonnen. Wenn ihr jedoch meine persönliche Meinung hören wollt, dann liegt die Antwort deutlich näher: Zuleyra erschuf die Lichtbringer nicht nur als Wesen aus Licht, sondern gab ihnen dieses Wissen bereits bei ihrer Schaffung mit auf den Weg.
Anders kann ich mir kaum erklären, weshalb sie den übrigen Völkern ihrer Zeit in nahezu jeder Hinsicht so weit voraus waren.
Die Geburt der Eldari und Albae
Während viele Götter ihre Aufmerksamkeit wieder verstärkt den Sterblichen und ihren Schöpfungen widmeten, blieb Zuleyra ihrer besonderen Aufgabe verpflichtet. Seit dem Ende des vierten Zeitalters wachte sie über die Höllensphäre, den Sphärenriss und die Dämonen jenseits des Walls. Die Last dieser Verantwortung war so groß, dass sie sich immer seltener um ihre Lichtbringer kümmern konnte.
Aen'thiriel hingegen betrachtete die Lichtbringer mit wachsender Bewunderung. Für ihn waren sie die höchste Form schöpferischer Vollkommenheit, die jemals hervorgebracht worden war. Ihre Weisheit, ihre Anmut und ihre Fähigkeit, andere Völker zu lehren, faszinierten ihn mehr als jede andere Schöpfung Gotaras.
Schließlich trat er an Zuleyra heran und bat um ihre Zustimmung, ein neues Volk erschaffen zu dürfen. Es sollte viele Eigenschaften der Lichtbringer in sich tragen, zugleich jedoch eine materielle Gestalt besitzen. Aen'thiriel wollte kein weiteres Volk erschaffen, das lediglich existierte. Er wollte eine Spezies hervorbringen, die Größe erreichen, Macht erlangen und die Welt prägen konnte.
Seine Pläne blieben jedoch nicht verborgen. Irgendwann erfuhr der Rat der Ordnung von seinen Absichten und informierte Justarion. Die Erinnerungen an die Herolde waren noch frisch, und niemand wollte zulassen, dass erneut Wesen erschaffen wurden, die allen anderen maßlos überlegen waren. Gemeinsam legten Justarion und der Rat daher Regeln fest, welche die Schöpfung neuer Völker begrenzen sollten.
Aen'thiriel missfielen diese Vorgaben zunächst, denn sie schränkten ihre schöpferische Freiheit ein. Dennoch verstand sie die Beweggründe ihrer Geschwister. So begann sie, ihre Pläne anzupassen. Ihr neues Volk sollte intelligent sein, außergewöhnlich langlebig und von großer Schönheit. Es sollte sich von anderen Völkern abheben, ohne ihnen in allen Belangen überlegen zu sein. Seine Angehörigen sollten sterben können, Fehler machen und aus diesen lernen. Sie sollten Größe erreichen können, ohne jedoch unfehlbar zu sein.
Nach langer Überlegung begann schließlich ihr Werk.
Mit Zuleyras Zustimmung nahm sie einige Lichtbringer und verband ihre Essenz mit materieller Substanz sowie ihrer eigenen schöpferischen Impulsen. Das Ergebnis waren die Eldari, jenes Volk, das Gotara neben den Ogern, den Göttern und den Dämonen wohl stärker prägen sollte als jedes andere.
Doch Aen'thiriel übersah etwas.
Kein Lichtbringer existierte jemals allein. Jeder von ihnen besaß einen Schattenzwilling. Als Aen'thiriel die Lichtbringer wandelte, trennte sie diese ungewollt von diesen Schattenwesen und erschuf dadurch unbeabsichtigt ein zweites Volk – die Albae.
Was genau während dieses Vorgangs geschah, darüber streiten Gelehrte bis heute. Sicher ist lediglich, dass aus einer einzigen Schöpfung zwei Völker hervorgingen. Äußerlich ähnelten sie einander, von ihrer Hautfärbung abgesehen, doch in ihrem Wesen unterschieden sie sich grundlegend.
Warum dies so war, darüber lässt sich nur spekulieren.
Doch dazu werden wir später noch kommen, wenn die Geschichte der Eldari und Albae ihren weiteren Verlauf nimmt.
Die erste Allianz
Mit der Erschaffung der Eldari und Albae waren zwei neue Völker in die Geschichte Gotaras getreten. Was Aen'thiriel ihnen jedoch nicht mit auf den Weg gegeben hatte, war ein eigener Platz in der Welt. Sie hatte sie erschaffen, ihnen Leben, Verstand und Gestalt verliehen, doch ihre Entwicklung überließ sie weitgehend ihnen selbst.
Die Lichtbringer erkannten dies schnell. Schließlich waren nur wenige ihrer Art zu Eldari und Albae gewandelt worden. Die meisten Lichtbringer existierten weiterhin, ebenso wie ihre untrennbar mit ihnen verbundenen Schattenzwillinge. Sie betrachteten die beiden jungen Völker nicht als Fremde, sondern als Verwandte, die ihrer Führung und Unterstützung bedurften.
So entstand schließlich eine Gemeinschaft, die Gotara für lange Zeit prägen sollte. Lichtbringer, Schattenzwillinge, Drachen, Eldari und Albae traten miteinander in Verbindung und bildeten die erste große Allianz ihrer Art.
Doch obwohl sie miteinander verbunden waren, entwickelten sich die Beziehungen nicht gleichmäßig.
Die Lichtbringer fühlten sich den Eldari besonders nahe. Vielleicht erkannten sie in ihnen mehr von ihrem eigenen Wesen wieder, vielleicht war es aber auch nur eine natürliche Folge ihrer gemeinsamen Herkunft. Auch die Drachen wandten sich überwiegend den Eldari zu, die sie wiederum lehrten und auf ihrem Weg begleiteten.
Die Schattenzwillinge hingegen fühlten sich den Albae stärker verbunden. So wie die Lichtbringer ihre Verwandtschaft in den Eldari sahen, erkannten die Schattenzwillinge offenbar etwas von sich selbst in den Albae wieder.
Auf diese Weise entstanden zwei eng miteinander verbundene Entwicklungslinien.
Während Lichtbringer und Drachen die Eldari unterrichteten, sie in Sprache, Magie, Handwerk und Philosophie schulten, waren es die Schattenzwillinge, welche die Albae lehrten und formten. Über die genaue Art dieser Unterweisung ist nur wenig bekannt, doch die Unterschiede zwischen beiden Völkern zeigten sich bereits in jener Epoche deutlich.
Das vergessene Erbe der Vergangenheit
Über viele Jahrtausende hinweg blieb Gotara von großen Katastrophen verschont. Die Narben vergangener Zeitalter heilten langsam, die Natur breitete sich aus und die Völker entwickelten sich weiter. Neue Siedlungen entstanden, Handelswege verbanden ferne Regionen miteinander und immer größere Teile der Welt wurden erschlossen. Für viele muss es gewirkt haben, als hätte Gotara endlich ein Zeitalter dauerhaften Friedens erreicht.
Die Erinnerung an die Wirren vergangener Epochen verblasste allmählich. Die Herrschaft der Herolde wurde zunehmend zu einer Sammlung alter Geschichten, deren Wahrheitsgehalt viele bereits anzweifelten. Auch die Dämonen gerieten mehr und mehr in Vergessenheit. Ihre Invasion lag unvorstellbar lange zurück, und für die meisten Sterblichen waren sie kaum mehr als Gestalten aus Legenden und Schauermärchen.
Natürlich galt dies nur für die Sterblichen. Die Götter selbst werden weder die Herolde noch die Dämonen jemals vergessen haben.
Doch während die Bewohner Gotaras ihre Aufmerksamkeit den Herausforderungen ihrer Gegenwart widmeten, regte sich im Verborgenen weiterhin das Erbe des vierten Zeitalters. Die gewaltigen Dämonenheere, welche einst über die Welt hergefallen waren, existierten längst nicht mehr. Vernichtet, vertrieben und in die Tiefen der Geschichte gedrängt, schienen sie keine Bedrohung mehr darzustellen.
Nicht alle jedoch waren verschwunden.
Einige wenige Dämonen hatten die Jahrtausende überdauert. Sie passten sich an, verbargen sich und lernten Geduld. Sie wussten, dass ihre Zahl zu gering war, um offene Kriege zu führen, und so verfolgten sie andere Wege. Aus den Schatten heraus beobachteten sie die Sterblichen und warteten auf Gelegenheiten.
Das Vergessen der Vergangenheit wurde zu ihrer stärksten Waffe.
Nach und nach begannen sie, Einfluss auf einzelne Sterbliche auszuüben. Besonders empfänglich waren jene, die nach Macht, Ruhm oder Wissen strebten. Solchen Wesen flüsterten die Dämonen Versprechen zu, schürten ihre Begierden und lenkten ihre Entscheidungen in die gewünschte Richtung. Oft bemerkten ihre Opfer nicht einmal, dass sie beeinflusst wurden.
Damals erschienen diese Vorfälle unbedeutend und vereinzelt. Kaum jemand erkannte einen Zusammenhang zwischen ihnen.
Doch rückblickend betrachtet waren dies die ersten Züge eines Spiels, dessen wahre Ziele sich erst viele Jahrtausende später offenbaren sollten.
Der Aufstieg der Oger
Nun wird es Zeit, uns wieder den Ogern zuzuwenden.
Bereits vor Jahrtausenden hatten sie eine der bedeutendsten Errungenschaften der frühen Welt hervorgebracht: die Schrift. Anfangs bestand sie lediglich aus einfachen Symbolen und vereinzelten Worten, doch mit der Zeit entwickelten die Oger daraus ein vollständiges Schriftsystem mit echten Buchstaben und festgelegten Regeln. Viele Kulturen sollten dieses Wissen später übernehmen, doch in jener Epoche waren es neben den Ogern lediglich die Lichtbringer, Schattenzwillinge, Drachen, Eldari und Albae, welche die Schrift in ihrer vollständigen Form nutzten.
Die Folgen waren gewaltig. Wissen musste nicht länger mündlich weitergegeben werden und mit dem Tod seines Trägers verloren gehen. Erkenntnisse konnten festgehalten, vervielfältigt und über Generationen hinweg bewahrt werden. Besonders die Oger verstanden es meisterhaft, ihre magischen Erkenntnisse niederzuschreiben und ihren Artgenossen zugänglich zu machen. Es wirkte auch beinahe, als läge ihnen die Weiterentwicklung arkanen Wissens im Blut.
Ihre Siedlungen wuchsen zu Städten heran und aus ihren Städten wurden Metropolen. Handel verband ganze Regionen miteinander und die Oger begannen, ihren Einfluss weit über die Grenzen ihrer Heimatgebiete hinaus auszudehnen. Dieser Aufstieg beruhte jedoch nicht allein auf eigener Leistung. Viele andere Völker waren ihnen technologisch und magisch unterlegen. So erfanden die Oger etwas, das bis dahin unbekannt gewesen war: die systematische Versklavung anderer Sterblicher. Ganze Völker wurden unterworfen und gezwungen, körperlich anstrengende oder aus Sicht der Oger unwürdige Arbeiten zu verrichten.
Die Götter beobachteten diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Die Auserwählten, welche sie in früheren Zeitaltern erschaffen hatten, erwiesen sich gegen die schiere Masse zauberkundiger Oger als zunehmend wirkungslos. Der erneute Einsatz substanzieller Herolde kam für sie nicht infrage, zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an deren Herrschaft. Daher entwickelten die Götter eine neue Form der Machtausübung: die Ordination.
Anstatt einzelne Sterbliche mit gewaltiger Macht auszustatten, begannen sie nun, zahlreiche Gläubige zu weihen. Diese Geweihten waren weit weniger mächtig als die einstigen Auserwählten, konnten jedoch einfache Wunder wirken und göttliche Magie nutzen. Noch wichtiger war, dass sie die Weihe selbst weitergeben konnten, wodurch ihre Zahl rasch anwuchs. Gleichzeitig behielten die Götter die Kontrolle, denn sie konnten den göttlichen Kraftfluss jederzeit einschränken oder gänzlich unterbrechen.
Die Oger selbst blieben davon weitgehend unberührt. Zwar erkannten sie Thal'Zura weiterhin als ihre Schöpferin an, doch verehrten sie sie längst nicht mehr. Sie beteten nicht mehr zu ihr, erbaten keine Hilfe und betrachteten ihre Erfolge als Ergebnis eigener Stärke.
Die Blüte der Ogerreiche
Mit wachsender Macht wuchs auch der Ehrgeiz der Oger.
In jener Zeit entwickelten sie die erste echte Seefahrt. Zwar hatten viele Völker zuvor bereits gefischt oder kurze Strecken über Gewässer zurückgelegt, doch die Oger waren die ersten, welche Schiffe bauten, um ganze Meere zu überqueren und ferne Länder zu erkunden. Ursprünglich erschufen sie mithilfe ihrer Magie sogar schwimmende und fliegende Schiffe aus gewaltigen Felsblöcken. Erst später erkannten sie, dass auch gewöhnliche Materialien für den Bau großer Seeschiffe geeignet waren, die keinen Einsatz von Magie mehr notwendig machten.
Getrieben von Entdeckergeist bereisten sie Kontinente und Ozeane. Die Expansion der Ogerreiche hatte begonnen. Kaum ein Ort der bekannten Welt blieb von ihrem Einfluss unberührt.
Doch selbst dies genügte ihnen nicht.
Einige der mächtigsten Ogermagier entwickelten Rituale, mit denen sie ganze Berge aus dem Boden rissen. Sie kehrten diese um, sodass die Bergspitzen nach unten zeigten und die breiten Bergplateaus hoch über dem Erdboden schwebten. Dort errichteten sie neue Städte und Metropolen, erreichbar nur durch Flugschiffe oder mächtige Magie.
Diese schwebenden Berge wurden zum Sinnbild ihrer Macht.
In vielerlei Hinsicht waren die Oger jener Epoche fortschrittlicher als viele Hochkulturen späterer Zeitalter. Fliegende Schiffe, weltumspannende Handelsrouten und Metropolen auf schwebenden Bergen erscheinen selbst heute noch wie Wunderwerke. Zwar besitzen die Eldari bis in unsere Zeit hinein einzelne fliegende Schiffe und sogar einen schwebenden Berg, doch selbst ihnen kosten solche Leistungen gewaltige Anstrengungen. Den Ogern hingegen schienen sie beinahe mühelos zu gelingen.
Die Geburt der purpurnen Sonne
Doch irgendwann genügte den Ogern selbst dies nicht mehr.
Sie beschlossen, die Kraft der Sonne nutzbar zu machen.
Viele der mächtigsten Ogermagier vereinten ihre Kräfte und begannen ein gewaltiges Ritual, das mehrere Generationen überdauerte. Ihr Ziel war es, eine dauerhafte astrale Verbindung zwischen der Sonne und ihren größten Metropolen auf den schwebenden Bergen zu erschaffen. Durch diese Verbindung sollte die Macht der Sonne direkt nutzbar gemacht werden.
Am Ende scheiterte das Vorhaben allerdings.
Was genau geschah, darüber widersprechen sich die Quellen. Fest steht nur, dass das Ritual in einer gewaltigen Katastrophe endete. Eine ungeheure Detonation erschütterte die Welt. Für eine lange Zeit erlosch das Licht der Sonne und Dunkelheit legte sich über Gotara. Kälte breitete sich aus und viele fürchteten bereits das Ende allen Lebens.
Doch schließlich kehrte das Sonnenlicht nach einigen Jahren zurück.
Nicht allein.
Neben der ursprünglichen Sonne erschien eine zweite, purpurn schimmernde Sonne am Firmament, leicht nach hinten versetzt, im Schatten der ursprünglichen Sonne. Ihr Licht war anders als das der ersten Sonne, und bis heute rätseln Gelehrte über ihre wahre Natur. Manche behaupten, sie sei die Sonne der Unvergänglichkeit und übe Einfluss auf Untote und andere widernatürliche Wesen aus. Andere halten dies für Legenden und Aberglauben.
Was auch immer die Wahrheit sein mag, die Welt war fortan nicht mehr dieselbe.
Die Katastrophe hatte noch weitere Folgen. Die Verbindung der Oger zu den astralen Strömen wurde schwer beschädigt oder sogar teilweise getrennt. Ihre Flugschiffe stürzten vom Himmel. Die schwebenden Berge verloren ihren Halt und fielen zur Erde. Wo sie einschlugen, wurden ganze Landschaften verwüstet. Städte und Metropolen verschwanden unter Felsmassen oder wurden vollständig zerstört.
Innerhalb weniger Jahre zerbrach, was über Jahrtausende aufgebaut worden war.
Die geweihte Rebellion
Die Katastrophe offenbarte die größte Schwäche der Ogerherrschaft.
Während ihrer Blütezeit hatten die Oger ihren unterworfenen Völkern erlaubt, weiterhin die Götter zu verehren. Nun zahlte sich diese Nachlässigkeit aus. In den besetzten Gebieten formierten sich die Geweihten der verschiedenen Glaubensrichtungen zu einer gewaltigen Rebellion.
Die Oger waren auf diesen Widerstand nicht vorbereitet. Die göttliche Magie der Geweihten war ihnen fremd, und ihre Zahl wuchs stetig. Überall brachen Aufstände aus, die sich bald zu großen Kriegen ausweiteten.
Die Götter stärkten ihre Anhänger, nur Thal'Zura blieb untätig. Ob sie ihre Kinder prüfen wollte, sich von ihnen verraten fühlte oder schlicht nicht eingreifen wollte, vermag niemand zu sagen.
Der Krieg tobte über weite Teile der Welt.
Als er schließlich endete, war die Hochkultur der Oger vernichtet. Die meisten Oger waren gefallen, ihre Städte zerstört und ihre Reiche zerbrochen. Die wenigen Überlebenden verloren im Verlauf der folgenden Zeitalter immer mehr von ihrem einstigen Wissen. Generation für Generation entfernten sie sich weiter von der Größe ihrer Vorfahren, bis aus den Erbauern schwebender Metropolen jene wilden und gefürchteten Kreaturen wurden, von denen Reisende heute gelegentlich berichten.
Ich vermute, dass der alte Spruch „Was hoch aufsteigt, kann tief fallen“ seinen Ursprung in eben jener Epoche hat.
So endete das sechste Zeitalter. Das Zeitalter der Ogerherrschaft war vorüber, und mit ihm verschwand die größte sterbliche Hochkultur, die Gotara bis dahin hervorgebracht hatte.
Zwar war die Herrschaft der Oger gebrochen worden, doch einige ihrer verbliebenen Stämme weigerten sich, die neuen Machtverhältnisse zu akzeptieren. Sie hielten verbissen an den Resten ihrer einstigen Vorherrschaft fest, unterdrückten weiterhin schwächere Kulturen und versuchten, ihre alte Stellung mit Gewalt zu bewahren. Dies war jedoch nur noch das letzte Aufbäumen einer untergehenden Macht. Nach und nach wurden auch diese Widerstände niedergeschlagen und mit ihnen verschwanden die letzten bedeutenden Überreste der einstigen Ogerhochkultur.
Was mir bei meinen Nachforschungen über das siebte Zeitalter besonders auffiel, war etwas anderes. Es scheint, als würden die Zeitspannen der einzelnen Zeitalter allmählich kürzer werden. Wirklich bewusst wurde mir dies allerdings erst viel später, als ich erstmals auf datierte Aufzeichnungen stieß und begann, die Ereignisse genauer einzuordnen. Im siebten Zeitalter selbst existierte scheinbar noch keine allgemein verbreitete Zeitrechnung – zumindest keine, deren Zeugnisse bis in unsere Gegenwart überliefert wurden oder zu denen ich Zugang erhalten konnte.
Der Bund der Erhabenen
Während viele Kulturen noch immer unter den Folgen der Ogerherrschaft litten und ihre zerstörten Reiche sowie Traditionen mühsam wiederaufzubauen versuchten, schlossen sich die Lichtbringer, ihre Schattenzwillinge, die Drachen, die Eldari und die Albae zu einer festen Allianz zusammen. Von nun an nannten sie sich der Bund der Erhabenen.
Es war diese Allianz, welche schließlich einen der letzten noch schwebenden Berge aus der Zeit der Ogerherrschaft entdeckte. Anders als die anderen invertierten Berge war dieser nicht abgestürzt, sondern trieb weiterhin hoch über dem Meer. Mit Unterstützung der Drachen gelang es dem Bund, den breiten Gipfel zu erreichen und die dort errichtete Metropole zu betreten. Glücklicherweise war die Stadt bereits vor langer Zeit von den Ogern verlassen worden.
Der Bund verbrachte viele Jahrzehnte damit, die uralten Bauwerke zu untersuchen, Wissen zu bergen und die Hinterlassenschaften der Oger zu studieren. Kein Winkel blieb unbeachtet, kaum ein Stein unangetastet. Sie archivierten alte Schriftrollen, analysierten magische Konstruktionen und versuchten, selbst kleinste Fragmente vergangenen Wissens zu bergen.
Doch sie beließen es nicht dabei.
Die meisten Bauwerke der Oger wurden niedergerissen und an ihrer Stelle errichtete der Bund eine neue Stadt – eine Metropole nach den Vorstellungen ihrer eigenen Kultur. Sie nannten sie Valthiris.
Schon bald wurde Valthiris weit mehr als nur eine Stadt. Sie entwickelte sich zum politischen, kulturellen und geistigen Zentrum des Bundes der Erhabenen. Lichtbringer, Schattenzwillinge, Drachen, Eldari und Albae lebten dort gemeinsam und formten aus ihren unterschiedlichen Traditionen eine neue Hochkultur.
Zu jener Zeit geschah dies noch weitgehend im Einklang mit den übrigen Völkern Gotaras. Zwar hob sich der Bund deutlich von anderen Kulturen ab, doch trat er zunächst nicht als Eroberer oder Unterdrücker auf. Wie sich dies später verändern sollte, ahnte damals noch kaum jemand.
Eine Persönlichkeit ragte jedoch schon früh aus den Reihen des Bundes hervor: die Eldari Gotara Norgalim.
Sie war es, welche die Erschließung Valthiris maßgeblich vorantrieb, den Bund der Erhabenen entscheidend prägte und seine Entwicklung zur neuen Hochkultur lenkte. Unter ihrer Führung gewann die Allianz zunehmend an Einfluss und Geschlossenheit, weshalb sie schließlich zur Königin des Bundes ernannt wurde.
Aufmerksame Leser werden bereits erkannt haben, dass ihr Name bis in unsere Gegenwart nachhallt. Dies geschieht keineswegs zufällig. Es war der Bund der Erhabenen, welcher unserer Welt ihren heutigen Namen gab. Zu Ehren ihrer Königin nannten sie die Welt fortan Gotara.
An dieser Stelle sollte jedoch nochmals betont werden, dass die Eldari trotz ihrer Herkunft von den Lichtbringern keine unsterblichen Wesen waren. Sie alterten deutlich langsamer als andere Sterbliche und konnten mehrere Jahrtausende leben, doch irgendwann vergingen auch sie. Gotara Norgalim muss zu jener Zeit bereits ein Alter von weit über tausend Jahren erreicht haben, denn vereinzelte Aufzeichnungen aus dem späten sechsten Zeitalter erwähnen ihren Namen bereits in Nebensätzen.
Wir sollten also festhalten: Der Bund der Erhabenen entstand aus der Allianz der Lichtbringer, ihrer Schattenzwillinge, der Drachen, Eldari und Albae. Sie entdeckten den letzten schwebenden Berg der Ogerherrschaft, bargen das Wissen vieler Ogergenerationen und entwickelten sich schließlich selbst zur neuen Hochkultur Gotaras. Gotara Norgalim spielte dabei eine so bedeutende Rolle, dass der Bund nicht nur sie zu seiner Königin ernannte, sondern sogar unsere gesamte Welt nach ihr benannte.
Zharvoks schleichender Einfluss
Weit entfernt von Gotara blieb auch Zharvok keineswegs untätig. In den Tiefen jenseits des Sphärenwalls entsandte er immer wieder kleine Stoßtrupps aus Dämonen, deren Aufgabe es war, mehr über die Beschaffenheit und Verteidigung der sechsten Sphäre in Erfahrung zu bringen.
Die Höllensphäre erwies sich jedoch als widerstandsfähig. Dank Morveth gelangten fortwährend neue Seelen in die Reihen ihrer Verteidiger, während Zuleyra selbst die Abwehr koordinierte und den Schutz der Sphäre überwachte. Den meisten dämonischen Vorstößen gelang es daher nicht, die Verteidigung zu durchbrechen. Nur vereinzelte Dämonen überwanden die Hölle und erreichten so die dritte Sphäre. Und selbst jene waren zahlenmäßig so unbedeutend, dass ihre Existenz kaum auffiel oder ernsthaft Beachtung fand.
Zharvok jedoch dachte langfristig.
Es genügte ihm, dass einige wenige seiner Diener Gotara erreichten. Durch das Dämonenherz, jenes verdorbene Energiereservoir im Riss des Sphärenwalls, blieb er offenbar weiterhin mit ihnen verbunden. Zumindest deuten viele Fragmente alter Aufzeichnungen genau darauf hin. Auf diese Weise sammelte Zharvok nach und nach Wissen über die Verteidigung der sechsten Sphäre, über die Struktur ihrer Wächter und auch über die Entwicklungen auf Gotara selbst.
Zu jener Zeit wurden die Verteidiger der sechsten Sphäre übrigens noch nicht allgemein als Teufel bezeichnet. Erst später setzte sich dieser Begriff durch. Dennoch finden sich bereits in frühen Quellen Hinweise auf niedere Höllenwesen, welche unter Zuleyras Führung gegen die Dämonen kämpften.
Mit Hilfe seiner verbliebenen Diener begann Zharvok schließlich, seinen Einfluss erneut auszubauen. Die wenigen Dämonen auf Gotara handelten nicht offen, sondern verborgen und geduldig. Sie suchten gezielt nach Sterblichen, die nach Macht, Wissen oder Unsterblichkeit verlangten, und boten ihnen Pakte an.
Diese Bündnisse hatten weitreichende Folgen.
Die Seelen jener Sterblichen, welche sich auf solche Pakte einließen, gelangten nach ihrem Tod nicht länger in Morveths Reich, um dort gewogen zu werden. Stattdessen wurden sie direkt vom Einfluss des Dämonenherzens erfasst und in Zharvoks Herrschaftsbereich gezogen.
So begann seine Macht erneut zu wachsen – langsam, verborgen und nahezu unbemerkt.
Niemand vermag heute zu sagen, wie viele Paktierer es in jener Zeit tatsächlich gab. Vielleicht waren es nur wenige. Vielleicht aber auch weit mehr, als selbst die Götter damals ahnten. Sicher ist lediglich, dass Zharvok auf diese Weise begann, seine dämonischen Heerscharen erneut zu stärken, lange bevor die meisten Sterblichen überhaupt begriffen, dass die Dämonen niemals wirklich verschwunden gewesen waren.
Die Kinder Durgramars
Durgramar beobachtete aufmerksam die Entwicklung der Völker Gotaras. Er sah die Lichtbringer und ihre Schattenzwillinge, welche einst von Zuleyra erschaffen worden waren. Er sah die Eldari und Albae, welche Aen'thiriel später aus einigen dieser Wesen hervorgebracht hatte. Schließlich reifte auch in ihm der Wunsch, ein eigenes Volk zu erschaffen.
Doch Durgramar strebte nicht nach sichtbarer Schönheit, Erhabenheit oder geistiger Vollkommenheit. Sein Volk sollte andere Tugenden verkörpern – Standhaftigkeit, Pflichtbewusstsein, Loyalität, Fleiß, Ausdauer, Mut und Handwerkskunst. Gleichzeitig sollten seine Kinder auch jene Eigenschaften besitzen, die man bis heute mit Durgramar selbst verbindet: Pragmatismus, Sturheit und einen unbeugsamen Willen.
Sein erster Entwurf erwies sich jedoch als unzureichend, zumindest in einigen Aspekten. Durgramar musste erkannten, dass es kaum möglich war, jedem einzelnen Angehörigen eines Volkes sämtliche Formen der Handwerkskunst gleichermaßen zu vermitteln. Daher änderte er seinen Plan. Statt eines vollkommen gleichförmigen Volkes wollte er mehrere große Familien erschaffen, von denen jede ihre eigene Spezialisierung erhalten sollte. Dennoch sollten alle diese Schöpfungen – die Zwerge – über grundlegende Begabungen verfügen, insbesondere im Bergbau und in der Braukunst.
So entstanden die ersten großen Zwergenfamilien.
Die Familie von Korin und Brundra Gundaril widmete sich der Architektur, dem Festungsbau und der Mechanik. Schon früh galten ihre Werke als nahezu uneinnehmbar. Gewaltige Tore, raffinierte Verteidigungsanlagen und ausgeklügelte Mechanismen machten ihre Baukunst weit über zwergische Gebiete hinaus berühmt. Noch heute führt der Stamm Gundarils seine Herkunft auf diese ersten Ahnen zurück.
Die Familie von Thordrik und Korilda Brondaril spezialisierte sich auf Goldschmiedekunst, Edelsteinbearbeitung und Gemmenschnitzerei. Ihre Arbeiten schmückten Kronen, Throne und Heiligtümer vieler Kulturen. Bis heute gelten die Zwerge vom Stamm Brondarils als Meister feinster Handwerkskunst.
Die Familie von Brondil und Dagrina Lorundar widmete sich der Schmiedekunst. Unter ihren Hämmern entstanden Waffen und Rüstungen von außergewöhnlicher Qualität, gefürchtet und bewundert zugleich. Viele Legenden zwergischer Waffen reichen bis auf die ersten Zwerge vom Stamm Lorundars zurück.
Die Familie von Drogar und Morlina Durengar schließlich perfektionierte die Steinmetzkunst. Sie verstanden es wie kein anderes Volk, monumentale Bauwerke aus dem Fels zu schlagen und Gestein mit beinahe unmöglicher Präzision zu bearbeiten. Viele ihrer Werke überdauerten mehrere Zeitalter.
An dieser Stelle muss ich jedoch eine kleine Halbwahrheit berichtigen.
Ich erwähnte zuvor, Durgramars erster Versuch sei gescheitert. Tatsächlich erschuf er zunächst eine andere Familie, war mit deren Entwicklung jedoch nicht vollständig zufrieden. Diese erste Familie bestand aus Vargun und Drunja Rangorim. Anders als die späteren Zwergenfamilien spezialisierten sie sich weniger auf klassisches Handwerk, sondern auf Kampfkunst und Magie. Besonders die Runenmagie und die erdgebundenen Kräfte, die man Geoden zuspricht, wurden von ihnen erforscht und gemeistert. Zudem strebten sie nach körperlicher Perfektion, um das Zwergenvolk gegen Gefahren zu schützen, die weder mit Stahl noch mit Stein allein bezwungen werden konnten.
Auch die Rangorims wurden später zu einem großen Zwergenstamm.
In alten Aufzeichnungen ist häufig nur von einzelnen Familienoberhäuptern die Rede. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass Durgramar tatsächlich nur jeweils ein einziges Paar erschuf. Wahrscheinlicher ist, dass diese Namen vielmehr als symbolische Ahnenlinien verstanden werden müssen, aus denen sich die späteren Familienverbände, Clans und Stämme entwickelten.
Damit aus diesen ersten Familien überhaupt ein dauerhaftes Volk hervorgehen konnte, griff Durgramar zusätzlich lenkend ein. In den ersten Jahrhunderten vermehrten sich die Zwerge daher deutlich schneller als in späteren Zeiten, wodurch ihre Kultur rasch anwuchs und sich ausbreiten konnte.
Aus den ursprünglichen Familien entstanden schließlich die fünf großen Stämme der Zwerge:
- der Stamm Rangorims
- der Stamm Gundarils
- der Stamm Brondarils
- der Stamm Lorundars
- der Stamm Durengars
Schon bald breiteten sich die Zwerge über ganze Gebirgsketten aus. Zunächst lebten sie überwiegend oberirdisch und nutzten ihre tiefen Stollen vor allem für Bergbau und Handwerk. Erst Generationen später sollten sie beginnen, ihre Reiche dauerhaft unter die Berge zu verlagern – doch dazu werden wir noch kommen.
Die Ankunft der Unsteten
Irgendwann öffneten sich an verschiedenen Orten Gotaras kleine Risse im Gefüge der Welt – instabile Übergänge, welche unsere Sphäre mit fernen Globulen und den Reichen der Feen verbanden. In alten Legenden heißt es oft, diese Portale hätten nur flüchtige Augenblicke existiert. Doch wenn ihr mich fragt, dann ist dies eine beschönigende Untertreibung.
Gewiss bestanden diese Übergänge nicht über ganze Zeitalter hinweg, doch hielten sie lange genug an, um die Welt nachhaltig zu verändern. Manche existierten offenbar über Tage, andere über Wochen und einige wohl sogar über Monate. Anders lassen sich die zahlreichen Berichte über jene fremdartigen Wesen kaum erklären, die in jener Zeit plötzlich auf Gotara auftauchten.
Diese neuen Feenwesen unterschieden sich stark von den Feen, welche bereits zuvor auf Gotara heimisch geworden waren. Sie wechselten rastlos zwischen dem Hier und dem Dort, zwischen unserer Welt und den Feenreichen. Ihre Natur war für die meisten Bewohner Gotaras kaum zu begreifen.
In einem Augenblick konnten sie voller kindlicher Begeisterung über die Form einer Wolke lachen oder stolz ihre Sammlung präparierter Insektenköpfe präsentieren, nur um kurz darauf fröhlich summend in den Eingeweiden eines verendeten Tieres zu wühlen, als sei dies die natürlichste Beschäftigung der Welt.
Diese Wesen schienen Veränderungen geradezu zu benötigen. Alles, was sie bereits erlebt hatten, verlor rasch ihren Reiz. Ihre Gedanken, Moralvorstellungen und ihr Verhalten wirkten unstet, widersprüchlich und oftmals verstörend. Hinzu kam ihre wandelbare Erscheinung. Da sie zwischen den Welten wechselten und ihre Herkunft im Feenreich lag, besaßen viele von ihnen keine vollständig beständige Gestalt. Selbst ihre Körper wirkten bisweilen so unstabil wie ihr Wesen.
Die meisten Bewohner Gotaras gaben irgendwann schlicht auf, sie verstehen zu wollen. Für sie waren diese Kreaturen einfach Feen – und genaueres Nachfragen führte meist nur zu Verwirrung, Chaos oder kleineren Katastrophen.
Mit der Zeit begannen die Übergänge jedoch schwächer zu werden. Einer nach dem anderen verblasste schließlich vollständig. Viele der unsteten Wesen kehrten rechtzeitig in ihre Heimat zurück, doch einige befanden sich noch immer auf Gotara, als die letzten Risse sich endgültig schlossen.
Damit waren sie von ihrer alten Heimat abgeschnitten.
Anders als die übrigen Feenwesen Gotaras wollten sie sich jedoch nicht an feste Regionen oder Aufgaben binden lassen. Dafür waren sie zu neugierig, zu rastlos und zu sehr von Veränderung getrieben.
Schließlich nahm sich Sylvaris ihrer an. Sie stellte die verbliebenen Wesen vor eine folgenschwere Wahl: Entweder würde sie ihnen helfen, in die Feenreiche zurückzukehren, oder sie müssten dauerhaft auf Gotara verbleiben. Dies war jedoch an eine Bedingung geknüpft. Wer bleiben wollte, musste seine unstete Gestalt aufgeben und eine dauerhafte, materielle Form annehmen, wie es auch für andere Völker Gotaras üblich war.
Die meisten entschieden sich für die Rückkehr.
Jene jedoch, die blieben, wurden durch Sylvaris gewandelt. Ihre flüchtigen Erscheinungen verfestigten sich, ihre Körper wurden dauerhaft und ihre Existenz an Gotara gebunden.
So entstanden aus den einst unsteten Feenwesen die Gnome – ein neues Volk, das fortan seinen eigenen Platz in der Welt einnahm.
Die Kinder des Zorns
Grashkorr beobachtete die Völker Gotaras aufmerksam. Er sah die Lichtbringer und ihre Schattenzwillinge, die Eldari und Albae, die Zwerge und schließlich auch die Gnome. Vieles an ihnen fand er interessant, doch ihre Natur blieb ihm fremd. Sie erschienen ihm zu bedacht, zu geordnet oder zu verspielt. Auch Grashkorr wollte der Welt seinen eigenen Stempel aufdrücken und so entschloss er sich, ein Volk nach seinen Vorstellungen zu erschaffen.
Dies war die Geburtsstunde der Orks.
Sie waren stark, wild und widerstandsfähig. Ihnen wohnte ein natürlicher Drang zum Kampf inne und sie besaßen eine rohe Kraft, wie sie kaum ein anderes Volk jener Zeit aufbrachte. Die ersten Orks wussten zudem, dass Grashkorr ihr Schöpfer war und genau dies missfiel ihm zunächst.
Viele von ihnen begannen nämlich damit, ihn anzubeten, ihn um Schutz zu bitten und seine Gunst zu erflehen. Für Grashkorr war dies keine Ehrerbietung, sondern eine Enttäuschung. Hatte er etwa ein Volk von Schwächlingen erschaffen, das lieber betete, statt sich seinen Platz mit eigener Stärke zu sichern?
Diese frühe Form der Verehrung erschien ihm wie ein Makel.
Also griff Grashkorr ein.
Er stieß sein Volk in die rauesten Regionen Gotaras – in staubige Steppen, felsige Hochländer und unerbittliche Ödlande, wo weder fruchtbare Böden noch milde Jahreszeiten existierten. Dort bleichte der Wind die Knochen gefallener Kreaturen und jede Nacht lauerten hungrige Bestien zwischen den Felsen und im hohen Gras. Die Natur selbst kannte dort kein Mitleid.
Die Orks mussten lernen zu überleben.
Wer schwach war, starb. Wer zögerte, wurde zerrissen. Doch jene, die überdauerten, wurden mit jedem Tag härter. Sie lernten, ihre Kraft nicht in Bitten oder Gebeten zu verschwenden, sondern im Kampf gegen Hunger, Einsamkeit und Tod einzusetzen.
Allmählich wandelte sich ihr Wesen.
Die Orks begannen, ihre Stärke in blutigen Wettkämpfen zu messen, Waffen aus Knochen und Zähnen erlegter Bestien zu fertigen und ihre Körper mit Narben zu zeichnen, welche ihre Taten bezeugten. Sie begriffen, dass Nahrung, Schutz und Überleben keine Geschenke waren, sondern Dinge, die man sich mit eigener Kraft verdienen musste.
Ihr Glaube an Grashkorr verschwand dabei keineswegs – doch er veränderte sich grundlegend.
Die Orks flehten nicht länger um Hilfe. Sie hatten verstanden, dass Bitten in den Augen ihres Gottes ein Zeichen von Schwäche war. Stattdessen riefen sie Grashkorrs Namen aus, wenn sie besonders waghalsige Taten vollbrachten oder sich scheinbar aussichtslosen Feinden entgegenstellten. Sie wollten nicht gerettet werden. Sie wollten gesehen werden.
Sie kämpften gegen gewaltige Bestien, trotzten Stürmen und stürmten lachend in Schlachten, die sie möglicherweise nicht überleben würden, nur damit Grashkorr ihren Mut wahrnahm.
Dies gefiel ihrem Schöpfer.
Denn genau so hatte Grashkorr sich sein Volk vorgestellt: nicht als Kreaturen, die um Gnade winselten, sondern als Kinder des Zorns, die selbst im Angesicht der Vernichtung noch lachten und weiterkämpften.
Die Herrschaft der Erhabenen
Zur Mitte des siebten Zeitalters erreichte der Expansionsdrang des Bundes der Erhabenen seinen Höhepunkt. Die Allianz aus Lichtbringern, ihren Schattenzwillingen, Drachen, Eldari und Albae hatte sich längst zur mächtigsten Ordnung Gotaras entwickelt und begann nun damit, ihren Einfluss systematisch über nahezu die gesamte bekannte Welt auszudehnen.
Kaum eine Region blieb von ihrer Herrschaft unberührt. Fruchtbare Ebenen, uralte Wälder, Gebirgspässe und selbst entlegene Küstenstriche gerieten unter ihre Kontrolle. Kulturen, die sich dem Bund freiwillig unterwarfen, wurden in seine Ordnung eingegliedert. Wer jedoch Widerstand leistete, wurde gewaltsam annektiert oder mit der vereinten Macht, drachischer Gewalt und arkaner Überlegenheit untergeworfen.
Das Herrschaftsgebiet des Bundes übertraf schließlich selbst jenes der einstigen Ogerreiche.
In jener Zeit verstarb auch Gotara Norgalim, die Königin des Bundes. Wie alt sie tatsächlich wurde, vermag heute niemand mehr mit Gewissheit zu sagen. Manche Quellen sprechen von drei Jahrtausenden, andere von deutlich mehr. Sicher scheint jedoch, dass sie den Bund entscheidend geprägt und wie kaum eine andere Gestalt Einfluss auf die Geschichte unserer Welt genommen hat – nicht zuletzt deshalb, weil Gotara bis heute ihren Namen trägt.
Der Ursprung des späteren Konflikts mit den Zwergen lag vor allem bei den Drachen. Diese begannen zunehmend, die Gebirge als ihr angestammtes Herrschaftsgebiet zu betrachten. Die tiefen Berge Gotaras boten Schutz für ihre gewaltigen Horte und eigneten sich hervorragend als Brutstätten ihrer Macht. Dass dort bereits die Zwerge lebten, interessierte sie kaum.
Die Zwerge jedoch dachten nicht daran, ihre Heimat kampflos aufzugeben.
Was zunächst als Reihe einzelner Konflikte begann, entwickelte sich schließlich zu einem langen und erbarmungslosen Krieg. Besonders die Eldari gingen mit kalter Effizienz gegen die Zwergenreiche vor. Sie betrachteten die Zwerge nicht als ebenbürtige Feinde, sondern zunehmend als wertvolle Arbeitskraft für ihre expandierenden Reiche.
Viele gefangene Zwerge wurden versklavt und zum Ausbau der Städte und Festungen des Bundes gezwungen. Hatten sie ihre Kräfte verbraucht, zeigte sich die Grausamkeit jener Zeit offen. Ausgemergelte Sklaven wurden nicht selten den Drachen überlassen, welche sich an ihnen labten, ohne dass darin noch irgendein Sinn für Ehre oder Würde erkennbar gewesen wäre.
Die noch freien Zwerge zogen sich immer tiefer unter die Berge zurück. Dort errichteten sie gewaltige unterirdische Hallen, verborgene Städte und nahezu uneinnehmbare Festungen. Während an der Oberfläche Drachen kreisten und die Reiche des Bundes wuchsen, entstand tief unter dem Stein eine neue Form zwergischer Kultur – abgeschottet, misstrauisch und vom Hass auf ihre Unterdrücker geprägt.
Besonders gefürchtet wurden jedoch die Albae.
Während selbst viele Eldari die Grausamkeit jener Zeit zumindest als notwendiges Übel betrachteten, entwickelten manche Albae eine verstörende Obsession für Leid und körperliche Entstellung. Sie missbrauchten Sklaven für groteske Formen ihrer Kunst und schufen Werke, die bis heute nur flüsternd erwähnt werden.
Zwergische Gefangene galten ihnen dabei als besonders wertvolle Ressource. Ihre robuste Haut, ihre widerstandsfähigen Knochen und ihr dunkles Blut fanden häufig Verwendung in den entsetzlichen Praktiken künstlerischen Erzeugnissen der Albae.
Wenn ihr mich fragt, dann liegt genau hierin einer der Hauptgründe für den bis heute fortbestehenden Hass vieler Zwerge auf Drachen, Eldari, Albae und deren Nachfahren. Zwerge vergessen nicht. Die Erinnerungen an jene Zeit wurden über Generationen weitergegeben, bis sie sich tief in das kollektive Gedächtnis ihres Volkes eingebrannt hatten. Für viele Zwerge wäre Vergebung nichts anderes als ein Verrat an den Qualen ihrer Ahnen.
Trotz ihrer gemeinsamen Herrschaft war der Bund der Erhabenen jedoch keineswegs geeint.
Die Eldari betrachteten die Ausschweifungen der Albae oft mit Abscheu oder hielten sie zumindest für politische und wirtschaftliche Verschwendung. Die Drachen wiederum sahen sich selbst als die eigentlichen Herren des Bundes und begegneten den Streitigkeiten ihrer Verbündeten meist mit belustigter Arroganz.
Die Lichtbringer und ihre Schattenzwillinge hielten sich aus den Einzelheiten heraus, solange ihre Machtstellung nicht gefährdet wurde. Doch selbst sie konnten nicht übersehen, dass der Widerstand der unterdrückten Völker stetig anwuchs.
Über Jahrhunderte verschlang der Krieg gewaltige Mengen an Ressourcen und Soldaten. Ganze Regionen verarmten unter der Last der Expansion. Schließlich sah sich selbst der Bund gezwungen, die offenen Feldzüge gegen die Zwerge weitgehend einzustellen.
Die Jagd auf versprengte Zwergenreiche und Flüchtlinge endete jedoch nie vollständig.
So wurde diese Epoche zu einer Zeit der Unterdrückung, der Sklaverei und der tiefen Narben, welche noch lange fortbestehen sollten. Die Zwerge lernten damals, dass die Welt über ihren Köpfen nicht länger ihre Heimat war, sondern ein hungriger Abgrund voller Elend und Grausamkeit.
Der Ruf der Höllensphäre
Jenseits Gotaras, nahe des Übergangs zum Draußen, verfolgte Zharvok weiterhin unbeirrt seine Pläne. Seine Dämonenscharen hatten inzwischen weitere Schwachstellen im Sphärenwall entdeckt, jenem metaphysischen Gefüge, das das Drinnen vom Draußen trennte. Zudem gelang es ihnen, den ursprünglichen Hauptriss weiter auszudehnen, sodass nun größere Gruppen von Dämonen gleichzeitig in die sechste Sphäre eindringen konnten.
Die Verteidiger der Höllensphäre gerieten zunehmend unter Druck. Zwar wurden die Reihen der niederen Teufel weiterhin durch Morveths Seelenstrom verstärkt, doch viele dieser Wesen waren ungeordnet, unerfahren oder nur schwer zu koordinieren. Hinzu kam, dass die Dämonen durch den Einfluss des Dämonenherzens häufig stärker waren als ihre Gegner.
Nur durch Zuleyras ständiges Eingreifen konnte der Zusammenbruch der sechsten Sphäre verhindert werden. Immer wieder griff sie ordnend in die Schlachten ein, koordinierte ihre Verteidiger und warf die dämonischen Vorstöße zurück. Dennoch erkannte sie, dass dieser Zustand nicht dauerhaft aufrechterhalten werden konnte.
Einmal gelang es Zharvoks Streitkräften sogar beinahe, einen größeren Bereich der sechsten Sphäre zu erobern. Zwar wurden sie letztlich zurückgeschlagen, doch Zuleyra begriff nun endgültig, dass ein großer Angriff früher oder später unvermeidlich war. Sollte Zharvok seine volle Streitmacht entfesseln, würde die sechste Sphäre in ihrer bisherigen Form nicht standhalten können.
Also suchte sie Justarion und den Rat der Ordnung auf.
Gemeinsam berieten sie über eine Lösung und schließlich trafen sie eine folgenschwere Entscheidung. Zuleyra sollte ihre einstigen Schöpfungen, die Lichtbringer und ihre Schattenzwillinge, von Gotara abziehen, um sie neu zu formen und zu stärken. Sie sollten fortan nicht länger bloße Beobachter oder geistige Führer sein, sondern zu höheren Teufeln werden: mächtigen Befehlshabern der Höllensphäre, geformt für den Krieg gegen die Dämonen.
Als Zuleyra den Lichtbringern und ihren Schattenzwillingen den Beschluss offenbarte, kam es jedoch anders als erwartet.
Sie widersetzten sich ihr nicht offen, doch sie stellten Forderungen.
Im Gegenzug für ihren Dienst verlangten sie, dass ihren Nachfahren, den Eldari und Albae, die wahre Unsterblichkeit geschenkt werde. Zwar erreichten diese bereits ein Alter, das andere Völker kaum begreifen konnten, doch irgendwann verfielen auch sie dem Alter und starben.
Zuleyra und Justarion reagierten zunächst mit Zorn auf diese Forderung. Sie empfanden sie als anmaßend und unverschämt. Doch zugleich wussten beide, wie ernst die Lage geworden war. Ihnen blieb kaum eine Wahl.
Schließlich willigten sie ein.
So verließen die Lichtbringer und ihre Schattenzwillinge Gotara. In der sechsten Sphäre wurden sie zu mächtigen, höheren Teufeln gewandelt und übernahmen fortan die Führung der höllischen Verteidigerheere. Gleichzeitig erhielten die Eldari und Albae die Unsterblichkeit, welche ihre Ahnen für sie eingefordert hatten. Das Alter vermochte ihnen fortan nichts mehr anzuhaben.
Auch dies blieb Zharvok nicht verborgen.
Seine Dämonen innerhalb der dritten Sphäre erkannten die Veränderungen und übermittelten ihrem Herrn die Kunde. Zharvok soll darüber in gewaltigen Zorn verfallen sein. Dennoch griff er nicht an. Der erwartete Großangriff auf die sechste Sphäre blieb aus.
Vielleicht erkannte selbst er, dass sich das Gleichgewicht der Kräfte plötzlich verändert hatte.
Und so endete das siebte Zeitalter nicht in einem alles verschlingenden Dämonenkrieg, sondern in einer bedrückenden Waffenruhe – einer Stille, von der jeder wusste, dass sie eines Tages gebrochen werden würde.
Das achte Zeitalter wurde zunehmend durch die Sterblichen Gotaras geprägt. Naja – sofern man Eldari und Albae überhaupt noch als sterblich bezeichnen kann.
Zwar gehört diese Epoche nicht zu den bedeutendsten der Weltgeschichte, doch wurden in ihr die Grundlagen vieler Ereignisse gelegt, welche erst in späteren Zeitaltern ihre volle Tragweite entfalten sollten.
Im Mittelpunkt jener Zeit stand der blaue Stern – jenes geheimnisvolle Himmelsgestirn, dem die Gelehrten seit jeher eine enge Verbindung zur arkanen Magie zuschreiben. Um ihn kreisten einst die drei Monde Gotaras und folgten seinen festen Bahnen durch das Firmament.
Ja, ihr habt richtig vernommen: kreisten, nicht kreisen.
Doch weshalb dies heute nicht mehr so ist und viele davon nichts bemerken, dazu kommen wir noch.
Die Studien der Erhabenen
Der Bund der Erhabenen war durch den Weggang der Lichtbringer und ihrer Schattenzwillinge geschwächt worden. Zugleich nahmen die Spannungen innerhalb des Bundes stetig zu, insbesondere zwischen Eldari und Albae. Die Drachen stellten sich dabei meist auf die Seite der Eldari, denn sie betrachteten diese inzwischen beinahe als Seelenverbundene. Dennoch griffen sie nicht offen ein, auch wenn sie die Macht dazu besessen hätten. Sie wussten, dass ein gewaltsames Eingreifen den Bund zerbrechen und langfristig ihre eigene Vormachtstellung gefährden würde.
Da die Rebellionen in den unterworfenen Reichen immer häufiger und Auseinandersetzungen mit den Rebellen immer gewalttätiger wurden, beschlossen die Eldari unter der Führung von Vaelorian Norgalim und Aeloriana Caelthyr umfangreiche arkane Expansionen einzuleiten. Wer sich nun fragt, was damit gemeint ist, dem sollte genügen zu wissen, dass die Eldari nach Wegen suchten, größere Mengen astraler Energie nutzbar zu machen und die Magie des Bundes dauerhaft auszuweiten. Es ging um Macht – um die Sicherung ihrer Herrschaft über Gotara.
Zunächst versuchten sie, die überlieferten Methoden der Ogermagie weiterzuentwickeln. Bald jedoch kamen die großen Akademien des Bundes zu dem Schluss, dass dies nicht ausreichen würde, um ihre Vorherrschaft dauerhaft zu sichern. Also begannen sie damit, neue Formen arkaner Studien zu betreiben, um tiefer in die Struktur der astralen Ströme vorzudringen.
Vaelorian und Aeloriana trafen dabei eine folgenschwere Entscheidung: Keine Akademie sollte vollständigen Zugang zum Wissen der anderen erhalten. Jede sollte nur einzelne Fragmente fremder Erkenntnisse kennen. Offiziell geschah dies, damit keine Schule voreingenommen forschte und mögliche neue Wege übersah. Vermutlich fürchteten die Eldari jedoch ebenso, dass rebellierende Völker einzelne Akademien vernichten oder an gebündeltes Wissen gelangen könnten. So arbeitete jede Akademie weitgehend isoliert und berichtete ihre Erkenntnisse ausschließlich an Vaelorian und Aeloriana. Gelegentlich wurden einzelne Magiekundige zwischen den Akademien versetzt, damit neue Sichtweisen und Ansätze entstanden. Manche Albae schlossen sich diesen Studien ebenfalls an, doch geschah dies nur selten, da ihre Interessen zunehmend in andere Richtungen drifteten.
Denn auch die Albae forschten – jedoch nicht nach größerem Verständnis der Magie, sondern nach Wegen, Herrschaft und Kontrolle ohne Zutun von Magie zu perfektionieren, denn nicht jeder im Bund war gleichermaßen verbunden mit der Magie.
Ihre Studien galten den Sklaven.
Sie begannen damit, Anatomie, Nervenbahnen, Schmerzreaktionen und die Widerstandsfähigkeit unterschiedlichster Kulturen zu untersuchen. Schon bald reichte ihnen das Sezieren von Leichen nicht mehr aus. Die Albae wollten beobachten, wie ein lebender Körper auf Eingriffe reagierte. Sie wollten verstehen, wie sich Angst, Schmerz, Gehorsamkein und Verstand formen oder brechen ließen.
Irgendwann gelang ihnen dabei ein erster Durchbruch – zumindest betrachteten sie es selbst als solchen. Sie entdeckten Wege, Eingriffe am lebenden Gehirn vorzunehmen, ohne all ihre Opfer unmittelbar zu töten. Nicht alle überlebten diese Prozeduren, doch genug von ihnen blieben am Leben, damit die Albae ihre Forschungen fortsetzen konnten.
So entstand die erste Form der Lobotomie.
Die Auswirkungen waren verheerend. Die behandelten Sklaven verloren ihre Emotionen, ihre Empathie und oft auch ihren eigenen Willen. Viele wurden apathisch, ruhig und nahezu vollständig gefügig. Gewaltbereitschaft und Widerstand verschwanden fast vollständig. Zugleich jedoch verloren die meisten Betroffenen ihre Spontaneität, ihre Selbstkontrolle und ihr Urteilsvermögen. Viele waren kaum noch in der Lage, eigenständig zu handeln. Hinzu kamen epileptische Anfälle, körperlicher Verfall, geistige Umnachtung oder oft auch der baldige Tod.
Die Albae störte dies zunächst kaum. Ein gebrochener Geist war für sie kein Makel, sondern ein Werkzeug. Erst als sich zeigte, dass die meisten Opfer nach kurzer Zeit zu schwer geschädigt waren, um weiterhin als brauchbare Arbeitskräfte zu dienen, betrachteten sie ihre Methode als unvollkommen.
Doch anstatt ihre Forschungen einzustellen, intensivierten sie diese nur noch weiter.
Sie suchten nun nach Wegen, den Geist ihrer Sklaven gezielt abzustumpfen und gefügig zu machen, ohne deren Handlungsfähigkeit zu zerstören. Ihre Labore füllten sich mit Angehörigen zahlloser Kulturen. Kein Sklave in den Reichen des Bundes konnte sicher sein, nicht irgendwann selbst auf einem der Tische der Albae zu enden.
Bald sprach sich in den Reichen des Bundes herum, dass die Albae nicht allein aus wissenschaftlichem Ehrgeiz handelten. Viele von ihnen schienen echtes Vergnügen an den Qualen ihrer Opfer zu empfinden. Sie betrachteten schmerzverzerrte Gesichter wie Kunstwerke und wiederholten ihre Experimente unzählige Male, um diesen Momenten erneut beizuwohnen. Für die Albae war dies keine Grausamkeit, sondern Ausdruck ihrer Überlegenheit – ein Mittel zum Zweck oder bisweilen schlicht Unterhaltung.
Einige alte Aufzeichnungen sprechen von Tausenden Opfern, andere gar von Zehntausenden. Welche Zahlen davon stimmen, vermag ich nicht zu sagen. Erschreckend genug bleibt jedoch die Tatsache, dass niemand den Albae ernsthaft Einhalt gebot.
Die Eldari verabscheuten viele dieser Methoden durchaus. Doch auch sie selbst führten magische Experimente an Sklaven und Gefangenen durch. Sie nutzten Sterbliche, um neue Formen arkaner Manipulation zu erproben, testeten die Belastbarkeit lebender Körper gegenüber astralen Strömen und opferten zahllose Leben, um ihre Studien voranzutreiben. Der Unterschied zwischen Eldari und Albae lag daher weniger in moralischen Grenzen als vielmehr darin, wie offen sie ihre Grausamkeit auslebten.
Die Albae genossen das Leid.
Die Eldari rechtfertigten es.
Die Drachen wiederum hielten sich weitgehend aus den Streitigkeiten ihrer Verbündeten heraus. Für sie waren die Sklaven aller Kulturen kaum mehr als Besitz oder Vieh. Ob diese litten oder nicht, war ihnen gleichgültig, solange ihre Reiche bestanden und ihr Hunger gestillt wurde.
Die Störung der Mondbahnen
Gegen Mitte des achten Zeitalters, nach heutigen Berechnungen vermutlich rund tausend Jahre vor dem Mondbruch, waren die magischen Studien der Eldari weitgehend abgeschlossen. Zumindest glaubten Vaelorian Norgalim und Aeloriana Caelthyr dies. Sie waren zu der Überzeugung gelangt, dass der blaue Stern, um welchen die drei Monde Gotaras kreisten, entweder der Ursprung der arkanen Macht selbst oder zumindest ein Übergang zwischen der dritten und der zweiten Sphäre sei, jenem Ort also, an welchem die Grundpfeiler der arkane Ordnung einst verankert worden waren.
So beschlossen die Eldari, ein Ritual von kaum vorstellbarem Ausmaß zu vollziehen. Es erinnerte in vielerlei Hinsicht an die Versuche der Ogermagier im sechsten Zeitalter, welche einst die Kraft der Sonne hatten nutzbar machen wollen. Doch während die Oger letztlich an ihrer Maßlosigkeit gescheitert waren, hielten sich die Eldari für disziplinierter, weitsichtiger und besser vorbereitet. Sie glaubten, aus den Fehlern vergangener Zeitalter gelernt zu haben.
Die Albae jedoch warnten vor diesem Vorhaben und verwiesen auf die purpurne Sonne, welche noch immer wie ein Mahnmal über Gotara hing und an das Scheitern der Oger erinnerte. Selbst sie, die sonst kaum moralische Grenzen kannten, sahen in dem geplanten Eingriff eine Gefahr. Manche von ihnen befürchteten sogar, dass die Folgen diesmal weitaus verheerender ausfallen könnten. Auch die Drachen schwiegen nicht. Sie warnten Vaelorian und Aeloriana eindringlich davor, das Gleichgewicht des Firmaments anzutasten. Selbst jene uralten Wesen, welche sich sonst nur selten in die Angelegenheiten anderer einmischten, erkannten die Gefahr.
Doch Vaelorian und Aeloriana hörten nicht auf sie. Sie waren überzeugt, sämtliche Risiken bedacht zu haben. Also versammelten sie die mächtigsten Eldarimagier ihrer Zeit und begannen mit dem Ritual. Zwar baten sie auch die Drachen und Albae um Unterstützung, doch diese verweigerten ihre Teilnahme, weshalb die Eldari das Vorhaben allein durchführten.
Das Ritual dauerte nicht Tage oder Monate, sondern mehr als ein ganzes Jahrzehnt. Mit jedem verstrichenen Jahr wurden die Veränderungen auf Gotara deutlicher spürbarer. Erdbeben erschütterten ganze Kontinente, Vulkane brachen aus und gewaltige Springfluten verwüsteten Küstenreiche. Selbst die astralen Ströme schienen zunehmend unruhig zu werden. Die Drachen versuchten erneut einzugreifen und drängten Vaelorian und Aeloriana dazu, das Ritual abzubrechen, doch die Eldari hielten unbeirrt daran fest.
Schließlich war es die Albin Thyriss Vaezhyr, welche handelte. Da Worte nichts bewirkten, entschloss sie sich zu einem letzten Versuch, die drohende Katastrophe aufzuhalten. Wohl wissend, dass ihr dies den Tod bringen würde, drang sie bis zu den Ritualstätten vor und ermordete Aeloriana Caelthyr. Doch selbst dies genügte nicht. Vaelorian und die übrigen Ritualteilnehmer setzten das Werk fort. Thyriss wiederum wurde, wie sie es vermutlich erwartet hatte, gefangen genommen, gerichtet und anschließend den Drachen zum Fraß vorgeworfen.
Mit Aelorianas Tod begann jedoch die Ordnung innerhalb des Rituals zu zerbrechen. Vaelorian allein war nicht mehr imstande, die Koordination der gewaltigen arkanen Ströme vollständig aufrechtzuerhalten und dennoch führten sie das Ritual unbeirrt fort. Im zwölften Jahr entglitt den Eldari schließlich die Kontrolle.
Die Folgen waren verheerend.
Die Bindungskraft des blauen Sterns wurde gestört und die drei Monde aus ihren festen Umlaufbahnen gerissen. Fortan bewegten sie sich unberechenbar über das Firmament, als wären sie herrenlose Himmelskörper geworden. Zu jener Zeit fürchteten viele sogar, auch ferne Kulturen, die Monde könnten auf Gotara herabstürzen und alles Leben auslöschen. Glücklicherweise geschah dies nicht, doch die Welt hatte sich verändert.
Ebbe und Flut verloren ihre festen Zyklen. Küstenregionen wurden unberechenbar und die Natur selbst schien aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Noch schwerwiegender jedoch waren die Auswirkungen auf die arkane Ordnung Gotaras. Die Magie wurde instabil. Einst mächtige Erzmagier waren plötzlich kaum noch in der Lage, einfachste Zauber zu wirken, während gewöhnliche Bauern unkontrolliert Feuer entfesselten oder Blitze beschworen, ohne überhaupt zu verstehen, was mit ihnen geschah.
Die Eldari wiederum gaben den Albae die Schuld an der Katastrophe. In ihren Augen hatte die Ermordung Aelorianas das Ritual destabilisiert und so den drohenden Untergang ausgelöst. Die Albae hingegen sahen sich bestätigt. Für sie war nicht Thyriss Vaezhyr verantwortlich, sondern die maßlose Hybris der Eldari.
Trotz allem gelang es dem Bund der Erhabenen jedoch, seine Herrschaft aufrechtzuerhalten. Ob dies daran lag, dass der Bund in einer zunehmend chaotischen Welt noch immer als letzte große Ordnungsmacht galt oder ob schlicht die gewaltige Macht der Drachen jede Rebellion erbarmungslos niederschlug, vermag ich nicht mit Gewissheit zu sagen. Fest steht nur, dass der Bund trotz der Störung der Himmelsbahnen weiterhin bestand – zumindest noch für eine ganze Weile.
Die Verbannung der Albae
Die Albae fühlten sich inzwischen zunehmend vom Bund der Erhabenen unterdrückt. Eldari und Drachen standen meist geschlossen beieinander, während die Albae innerhalb des Bundes immer häufiger isoliert wurden. Besonders bei wichtigen Entscheidungen zeigte sich, dass ihre Stimmen kaum noch Gewicht besaßen. Viele Albae gewannen den Eindruck, nur noch geduldete Verbündete zu sein – nützlich, solange ihre Fähigkeiten gebraucht wurden, aber niemals wirklich als gleichwertig angesehen.
So entstand unter ihnen ein Gedanke.
Die Albae wollten eine weitere Fraktion innerhalb des Bundes etablieren, eine Macht, die ihnen gewogen war und das Gleichgewicht innerhalb der Allianz wiederherstellen konnte. Doch keine der bestehenden Kulturen kam dafür infrage. Kaum ein Volk empfand echte Verbundenheit zu den Albae, geschweige denn Vertrauen oder Zuneigung. Also beschlossen einige von ihnen, selbst ein neues Volk zu erschaffen – nicht völlig neu, wie einst die Götter, sondern durch die Veränderung bereits existierenden Lebens.
Unter Führung der Wissenschaftler und Okkultisten Drathor Xalvorys, Vaezhul Drazhakar und Vaeshira Thyrzael zogen sich mehrere Albae tief unter die Hauptstadt des Bundes, Valthiris, zurück. Dort begannen sie im Verborgenen mit ihren Experimenten. Heimlich stahlen sie Eier ihrer vermeintlichen Verbündeten – Dracheneier. Das Verschwinden der Gelege wurde zunächst den Zwergen angelastet, welche sich bereits seit Generationen im Krieg mit den Drachen befanden.
An den geraubten Eiern führten die Albae schließlich ihre Studien durch. Ihr Ziel war die Erschaffung einer neuen Drachenkultur, welche den Albae näherstehen sollte als den Eldari oder den anderen Drachen selbst. Doch wie die Geschichte bereits mehrfach gezeigt hatte, verliefen nicht alle Experimente nach den Vorstellungen ihrer Gestalter.
Zwar gelang den Albae tatsächlich die Erschaffung einer neuen Kultur, doch diese entwickelte schneller einen eigenen Willen, als ihnen lieb war. Dies waren die Geburtsstunden der Draganer – humanoider Drachenwesen, kaum größer als Eldari oder Albae selbst, jedoch von gewaltiger körperlicher Kraft und mit einer starken Verbindung zu ihrer drakonischen Herkunft.
Als die Albae erkannten, dass die Draganer sich ihrer Kontrolle entzogen, versuchten sie, das Ausmaß ihres Verrats zu verbergen. Sie wollten verhindern, dass die übrigen Mitglieder des Bundes von dem Missbrauch der Dracheneier erfuhren. Doch die Draganer waren zahlreicher und mächtiger als die eingeweihten Albae. Weder die Wissenschaftler noch ihre Wächter konnten sie lange zurückhalten.
So gelangten die Draganer schließlich an die Oberfläche von Valthiris.
Dort begegneten sie den Eldari und den Drachen – der Verrat der Albae wurde innerhalb kürzester Zeit aufgedeckt.
Die Drachen gerieten in rasende Wut. Für sie waren die geraubten Eier nicht bloß Eigentum oder Ressourcen gewesen, sondern ihre Kinder. Anders als bei den zahllosen Sklaven der Reiche empfanden sie hier tatsächlich Verlust, Zorn und Schmach. Sofort forderten viele Drachen die vollständige Vernichtung aller Albae.
Die Eldari waren zunächst beinahe bereit, diesem Wunsch nachzugeben. Ihre Verbindung zu den Drachen war inzwischen enger als jene zu ihren Verwandten geworden. Dennoch zögerten sie. Trotz aller Spannungen teilten Eldari und Albae noch immer einen gemeinsamen Ursprung. Die vollständige Auslöschung der Albae hätte den Bund unwiderruflich verändert.
Zugleich wussten die Eldari jedoch auch, dass sie den Drachen eine offene Rache nicht einfach verweigern konnten.
So unterbreiteten sie schließlich einen Kompromiss.
Die Albae sollten aus dem Bund der Erhabenen ausgeschlossen und verbannt werden. Sie sollten sich aus den Herrschaftsgebieten des Bundes zurückziehen und fernab der Ordnung leben. Nach Ablauf eines Jahrhunderts jedoch würden sie offiziell zu Feinden des Bundes erklärt werden. Von diesem Zeitpunkt an sollten die Drachen das Recht besitzen, Jagd auf sie zu machen und sie zu vernichten, falls es ihnen dann noch immer nach Vergeltung verlangte.
Die Drachen akzeptierten diesen Vorschlag nur widerwillig. Doch auch sie erkannten, dass ein offener Krieg innerhalb des Bundes dessen Macht weiter geschwächt hätte. Da sie ihre Vorherrschaft über Gotara bewahren wollten, stimmten sie schließlich zu und schworen den Albae ewige Feindschaft.
Die Albae selbst wurden dabei selbstverständlich nicht gefragt.
Viele von ihnen beteuerte zwar ihre Unschuld, denn tatsächlich waren nur wenige in die Experimente eingeweiht gewesen. Doch die Drachen ließen keinerlei Diskussion zu. Ihr Hass richtete sich fortan gegen alle Albae gleichermaßen.
So verließen die Albae den Bund der Erhabenen und zogen in die Ferne. Mit der Zeit verschwanden sie nahezu vollständig aus den Aufzeichnungen vergangener Zeiten und über viele Jahrhunderte hinweg hörte man kaum noch etwas von ihnen.
Doch eine Frage blieb bestehen: Was sollte nun aus den Draganern werden?
Einerseits waren sie Nachkommen der Drachen, andererseits trugen sie das Blut und die Handschrift der Albae in sich. Die Drachen konnten dies riechen und empfanden allein ihre Existenz als unangenehme Erinnerung an den Verrat.
Nach langen Beratungen beschlossen Eldari und Drachen schließlich, die Draganer weder zu vernichten noch in den Bund aufzunehmen. Stattdessen sollten sie außerhalb der eigentlichen Ordnung des Bundes leben. Man gestattete ihnen, als Verbündete und Freunde des Bundes zu existieren, verweigerte ihnen jedoch die Mitgliedschaft innerhalb der Allianz der Erhabenen.
Die Wandlung der Erben
Die nun ungebundenen Monde schwebten wie drohende Schatten über Gotara und auch die arkane Ordnung der Welt hatte sich tiefgreifend verändert. Die astralen Ströme verliefen nicht länger stabil und berechenbar, sondern wirkten unstet und teils chaotisch. Dies blieb nicht ohne Folgen für die Kulturen unserer Welt.
Aufzeichnungen aus den letzten Jahrhunderten des achten Zeitalters erwähnen plötzlich zahlreiche Völker, die zuvor entweder unbekannt waren oder zumindest keine größere Bedeutung in den Chroniken besaßen. Halblinge, Goblins und andere Kulturen tauchen nun erstmals regelmäßig in Berichten jener Zeit auf. Ob diese Völker tatsächlich erst nach der Störung der Mondbahnen entstanden oder bereits zuvor existierten, jedoch von den Chronisten ignoriert oder übersehen wurden, lässt sich heute nicht mehr mit Gewissheit sagen. Sicher scheint lediglich, dass sie gegen Ende des achten Zeitalters bereits ein fester Bestandteil Gotaras geworden waren.
Die Veränderungen der astralen Ströme beeinflussten jedoch nicht nur die Magie oder das Auftreten neuer Kulturen, sondern auch die Eldari und Albae selbst. Und damit meine ich nicht bloß politische oder gesellschaftliche Veränderungen, sondern körperliche und metaphysische Wandlungen.
Vielleicht lag dies an ihrer Herkunft. Wir erinnern uns: Die Ahnen dieser Kulturen waren die Lichtbringer und ihre Schattenzwillinge – Wesen reiner Energie. Möglich also, dass die Störung der arkanen Ordnung direkten Einfluss auf jene Kräfte nahm, aus denen Eldari und Albae einst hervorgegangen waren. Mit letzter Gewissheit lässt sich auch dies heute nicht mehr beweisen.
Fest steht allerdings, dass sich ihre Nachkommen veränderten.
Ihre Kinder, welche nach der Störung der Mondbahnen geboren wurden, waren anders. Sie waren keine Eldari und auch keine Albae mehr. Es war die Zeit, in welcher erstmals Elfen und Dunkelelfen das Licht der Welt erblickten. Die Nachkommen der Eldari wurden nun als Elfen geboren, während aus den Nachkommen der Albae die Dunkelelfen hervorgingen.
Und ja, wie wir heute wissen, stabilisierten sich die arkane Ordnung und die magischen Strömungen irgendwann wieder weitgehend, sodass Eldari und Albae später erneut Nachkommen der eigenen Kultur hervorbringen konnten. Doch bis dies geschah, sollten noch viele Jahrhunderte vergehen.
Die Eldari nahmen sich ihrer neuen Nachfahren an und integrierten die Elfen in den Bund der Erhabenen. Zwar regte sich insbesondere unter den Drachen Widerstand gegen diese Entscheidung, doch letztlich akzeptierten sie die Veränderung. Die Elfen wurden fortan Teil der Ordnung des Bundes, wenn auch nicht überall als gleichwertig angesehen.
Fernab neugieriger Augen begannen die inzwischen zurückgezogenen Albae damit, die Dunkelelfen nach ihren eigenen Vorstellungen zu formen. Über dies existieren nur wenige verlässliche Aufzeichnungen, doch selbst die bruchstückhaften Berichte jener Epoche genügen, um zu erahnen, dass die Dunkelelfen nicht zufällig zu jener gefürchteten Kultur wurden, als welche wir sie heute kennen.
So endete schließlich, rund sechshundert Jahre vor dem Mondbruch, das achte Zeitalter. Die Monde waren aus ihren Bahnen gerissen worden, die arkane Ordnung Gotaras hatte sich verändert und aus Eldari sowie Albae waren erstmals Elfen und Dunkelelfen hervorgegangen. Zugleich erschienen die Draganer auf der Bühne der Weltgeschichte und zahlreiche weitere Kulturen wurden erstmals in den Chroniken erwähnt, auch wenn ihnen zu jener Zeit noch keine größere Bedeutung zugemessen wurde.
Das neunte Zeitalter ist von großer Bedeutung – nicht nur für Gotara selbst, sondern auch für die Chroniken. Denn zum Ende dieses Zeitalters erschufen die Eldari eine feste Zeitrechnung und hielten diese im Aen-Chronos fest, dem Kalender der Eldari, welcher heute auf nahezu ganz Gotara Verwendung findet. Die meisten von uns – selbst wir Chronisten – nennen ihn jedoch schlicht Kalender. Eigentlich sind es nur die Eldari und die Hochelfen, welche noch die ursprünglichen Begriffe Aen-Chronos oder kurz Aen-Chron verwenden.
Mit der Einführung dieses Kalenders wurde es erstmals möglich, Zeitabläufe präzise festzuhalten, anstatt sich lediglich auf ungefähre Angaben oder mündliche Überlieferungen zu stützen. Zwar entstand der Kalender erst gegen Ende des neunten Zeitalters, doch viele ältere Aufzeichnungen waren bereits erstaunlich genau geführt worden, sodass es mir durch umfangreiche Recherchen möglich war, zahlreiche Ereignisse konkreten Jahren oder zumindest bestimmten Zeiträumen zuzuordnen.
Ich bin allerdings keine Astronomin und werde euch daher gewiss keine allumfassende Abhandlung über die Bewegungen des Firmaments liefern können. Einige grundlegende Zusammenhänge sollten dennoch erwähnt werden, auch wenn vieles davon heute gemeinhin bekannt ist.
Ein Tag auf Gotara umfasst 24 Stunden. In dieser Zeit vollzieht unsere Welt eine vollständige Drehung um ihre eigene Achse. Zu Beginn des neunten Zeitalters befanden sich die drei Monde noch immer nicht auf ihren ursprünglichen Umlaufbahnen und hingen wie bedrohliche Schatten am Firmament, doch dies sollte sich zu gegebener Zeit wieder ändern.
Betrachten wir die heutigen Bahnen der Monde, so umkreisen der weiße und der rote Mond den blauen Stern Uryenas innerhalb von jeweils 7 Tagen in gleichmäßigen Abständen. Dadurch entsteht für uns der Rhythmus einer vollständigen Woche. Der schwarze Mond hingegen besitzt eine weiter entfernte Umlaufbahn und benötigt 28 Tage für eine vollständige Rotation um den blauen Stern, wodurch unser Monat bestimmt wird. Zusammen bilden der blaue Stern und die drei Monde das sogenannte Mondgebilde, welches innerhalb von 336 Tagen einmal vollständig um Gotara wandert. Dies definiert unser Jahr und beeinflusst zugleich den Wandel der Jahreszeiten.
Tag und Nacht entstehen hingegen durch die Eigenrotation Gotaras und die jeweils den Sonnen zugewandten Seiten unserer Welt. Zwar spendet auch die purpurne Sonne etwas Licht und Wärme, doch in Wahrheit verdanken wir unser eigentliches Tageslicht und die lebensnotwendige Wärme der Sonne Justarions.
Zusammengefasst bedeutet dies: Ein Tag umfasst 24 Stunden, eine Woche 7 Tage, ein Monat 28 Tage und ein Jahr 336 Tage. Dies soll uns an dieser Stelle als Grundlage genügen, denn viel tiefer kann ich euch nicht in die Astronomie unserer Welt einführen. Solltet ihr euch jedoch näher für dieses Thema interessieren, empfehle ich euch ein Gespräch mit den Astronomen, welche meist nur allzu bereitwillig über Sterne, Monde und Himmelsbahnen fachsimpeln.
Im kalendarischen Sinne verwenden wir zudem die Begriffe vor dem Mondbruch und nach dem Mondbruch. Die Abkürzungen VMB und NMB dürften euch daher bereits begegnet sein. Das neunte Zeitalter beginnt ungefähr 600 Jahre vor dem Mondbruch.
Doch kehren wir nun zurück zu den eigentlichen Geschehnissen Gotaras.
Zum Ende des achten Zeitalters erblickten Elfen und Dunkelelfen erstmals das Licht der Welt. Sie gingen als Erben der Eldari und Albae hervor, welche wiederum von den Lichtbringern und deren Schattenzwillingen abstammten. Eldari und Albae gelten als unsterblich, wobei dies nicht bedeutet, dass sie nicht getötet werden können. Vielmehr alterten sie lediglich anders als die meisten übrigen Kulturen Gotaras. Nach vielen Jahrzehnten – bisweilen Jahrhunderten – scheint der Lauf der Zeit ihren Körper kaum noch zu beeinflussen.
Auch Halblinge, Goblins und weitere Kulturen werden gegen Ende des achten Zeitalters erstmals in alten Schriften erwähnt. Ob diese Völker tatsächlich erst zu jener Zeit entstanden oder lediglich aus den Schatten der Bedeutungslosigkeit hervortraten, vermag heute niemand mit Gewissheit zu sagen. Viele Spezies Gotaras existierten vermutlich bereits lange zuvor, ohne dass sich bedeutende Chronisten jemals ernsthaft mit ihnen beschäftigt hätten.
Doch ich bemerke selbst, wie ich erneut abschweife. Das neunte Zeitalter fasziniert mich schlicht ungemein. Die Einführung der Zeitrechnung, die Veränderungen der Welt und die letzten Jahre vor dem Mondbruch gehören zu den spannendsten Epochen unserer Geschichte. Allein darüber ließen sich ganze Abhandlungen verfassen.
Für den Moment jedoch soll dies genügen.
Wenden wir uns nun den Ereignissen des neunten Zeitalters zu und glaubt mir: Langweilig wurde es jederzeit wahrlich nicht.
Die Herrscher des Südens
Wenn wir heute von Gotara sprechen, dann meinen die meisten damit die nördliche Hälfte unserer Welt, welche ungefähr an der äquatorialen Zone endet. Doch auch in den südlichen Regionen geschah vieles, das später Einfluss auf unser bekanntes Gotara nehmen sollte und daher nicht unerwähnt bleiben darf.
Etwa um 600 VMB erschuf Xirathis die Insektoiden. Wobei der Begriff „die Insektoiden“ streng genommen zu einfach gewählt ist. Es handelte sich nämlich nicht um ein einzelnes Volk, sondern vielmehr um eine Vielzahl verschiedener insektoider Kulturen. Manche erinnern äußerlich an Ameisen, andere an Käfer, Heuschrecken oder andere kriechende und fliegende Wesen, wie wir sie von den kleinen Insekten kennen. Dennoch sind Insektoide keine bloßen, übergroßen Insekten. Ihr Körperbau vereint vielmehr humanoide und insektoide Merkmale zugleich. Viele besitzen aufrechte Körperhaltungen, greiffähige Arme oder Hände und kulturschaffende Intelligenz, während andere Körperteile deutlich an Chitinpanzer, Facettenaugen, Mandibeln oder Fühler erinnern.
Sie sind kulturschaffende Wesen mit eigener Sprache, eigenen Strukturen und teils hochentwickelten Gesellschaftsformen.
Selbst innerhalb einzelner Arten unterscheiden sich ihre Gemeinschaften erheblich voneinander. Einige leben streng territorial und verteidigen ihre Reiche erbittert, während andere als wandernde Schwärme oder nomadische Kolonien umherziehen. Manche Kulturen sind ausgesprochen kriegerisch, andere wiederum stärker auf Arbeitsteilung, Vorratshaltung oder den Aufbau komplexer Siedlungen spezialisiert.
Dabei dürfen wir die Insektoiden keineswegs mit gewöhnlichen Insekten verwechseln. Viele von ihnen erreichen die Größe eines Zwerges, manche sogar die eines ausgewachsenen, aufrechtstehenden Bären. Einige bewegen sich auf mehreren Gliedmaßen, andere wiederum fast aufrecht wie humanoide Wesen. Ihre Vielfalt war und ist gewaltig.
Aus diesem Grund erscheint es mir richtiger, von vielen insektoiden Völkern zu sprechen und nicht von einem einzigen Volk, auch wenn der Oberbegriff Insektoide zutreffend scheint. Ein jedes von ihnen besitzt eigene Kulturen, Herrschaftsformen und Lebensweisen.
Zwar entstanden die Insektoiden in jener Zeit, doch existieren sie selbstverständlich bis heute fort. Die Insektoiden herrschen noch immer über die südliche Hälfte Gotaras, über jene Regionen also, welche südlich der äquatorialen Zone liegen. In unserem bekannten Gotara, dem Norden der Welt, begegnet man ihnen hingegen nur selten.
Und genau dies sollten wir an dieser Stelle festhalten: Wenn ich in meinen Chroniken von Gotara spreche, dann meine ich zwar grundsätzlich die gesamte Welt, doch befassen sich die meisten Aufzeichnungen vor allem mit den Reichen und Ereignissen der Nordhälfte. Der tiefe Süden hingegen gehört den Insektoiden, und über jene fernen Länder existieren vergleichsweise wenige verlässliche Berichte.
Die Kinder der Elemente
Einige von euch wissen sicherlich bereits, dass der blaue Stern mit der Magie in Verbindung gebracht wird. Doch er besitzt noch eine weitere Bedeutung, denn er stellt zugleich eine Verbindung zwischen der dritten und der zweiten Sphäre dar – jener Sphäre also, in welcher einst die Grundprinzipien der Elemente und der astralen Energie verankert wurden. Für jene unter euch, die dies bislang nicht wussten: Nun wisst ihr es.
Durch das gescheiterte Experiment der Eldari im achten Zeitalter wurden nicht nur die Monde aus ihren Umlaufbahnen gerissen, sondern offenbar auch die astralen Ströme des blauen Sterns verändert. Dies war letztlich der Grund dafür, dass aus den Nachkommen der Eldari und Albae die Elfen und Dunkelelfen hervorgingen und mehrere Naturkatastrophen unsere damalige Welt heimsuchten. Doch scheinbar blieb es nicht bei dieser einen Veränderung. Die Bindung zu den Elementen der zweiten Sphäre schien sich gewandelt zu haben.
So wie einst zahlreiche Feenwesen aus den Globulen und Feenreichen nach Gotara gelangten, erschienen um etwa 600 VMB erstmals größere Ansammlungen elementarer Wesenheiten auf unserer Welt. Lebendes Gestein wanderte durch Gebirge, wandelnde Flammen bewegten sich durch verbrannte Ebenen und selbst verdichtete Stürme oder lebendige Wasserformen wurden beschrieben. Der Ursprung dieser Wesen liegt, sofern man den Nachforschungen der Sphärenkundigen Glauben schenken mag, ebenfalls in der zweiten Sphäre.
Doch es waren nicht nur einfache Elementarwesen, welche nach Gotara gelangten. Auch andere Entitäten erschienen auf unserer Welt – Elementargeister und schließlich sogar die Dschinn.
Woher genau sie kamen und weshalb sie gerade in jener Epoche vermehrt auftraten, darüber streiten die Gelehrten bis heute. Viele vermuten jedoch einen Zusammenhang mit dem blauen Stern und den gestörten Mondbahnen. Einst band die Kraft des Sterns die Monde an ihre vorgesehenen Umlaufbahnen. Nachdem diese Bindung zerstört worden war, musste jene gewaltige Energie irgendwohin abgeflossen sein oder neue Verbindungen geschaffen haben. Ob dies tatsächlich der Grund für das Erscheinen der Elementarwesen war, vermag ich nicht mit Gewissheit zu sagen, doch erscheint mir diese Erklärung zumindest schlüssig.
Die Dschinn unterschieden sich jedoch deutlich von den gewöhnlichen Elementarwesen oder Elementargeistern. Sie waren keine bloßen Manifestationen einzelner Elemente, sondern eigenständige, intelligente Wesenheiten von erheblicher Macht. Manche standen dem Wasser nahe, andere der Erde. Wieder andere schienen Feuer und Luft gleichermaßen in sich zu vereinen.
So wie Dämonen im Namen Zharvoks Einfluss auf Sterbliche nahmen, begannen auch viele Dschinn damit, einzelne Individuen, Gemeinschaften oder sogar ganze Regionen zu beeinflussen. Anders als die Dämonen handelten sie jedoch nicht im Auftrag einer Gottheit oder höheren Macht, sondern ausschließlich aus Eigennutz.
Die Dschinn erkannten rasch, dass sie den meisten Bewohnern Gotaras in direkter Konfrontation überlegen waren. Dennoch waren sie nicht zahlreich genug, um offen gegen die Völker unserer Welt Krieg zu führen. Gegen die schiere Masse der Sterblichen hätten selbst sie nicht bestehen können.
Doch Dschinn waren intelligent, ehrgeizig und machthungrig.
Anstatt ihre Ziele mit roher Gewalt zu verfolgen, begannen sie daher damit, Einfluss aufzubauen. Sie formten Bündnisse, verführten Herrscher, boten Macht oder Wissen an und lenkten ganze Regionen schrittweise nach ihren Vorstellungen.
Ihr Einfluss konzentrierte sich vor allem auf kleinere Regionen nahe der äquatorialen Zone. Dadurch gerieten sie nur selten in direkten Konflikt mit dem Bund der Erhabenen, welcher noch immer den Großteil des bekannten Gotaras beherrschte.
Die Erschaffung der Menschen
Der Bund der Erhabenen sah sich zunehmend gezwungen, auf die immer häufiger aufflammenden Rebellionen in den unterworfenen Reichen zu reagieren. Weshalb der Bund die Aufstände jedoch nicht einfach mit vollständiger Vernichtung beantwortete, bleibt unklar. Ob selbst die Erhabenen nicht mehr über genügend Macht verfügten, um ihre Herrschaft mit blanker Gewalt dauerhaft aufrechtzuerhalten, oder ob andere Gründe dahinterstanden, darüber schweigen die Archive der Eldari, sofern sie darüber überhaupt jemals offen Buch führten.
Etwa um 560 VMB begannen Eldari und Elfen damit, Experimente an anderen Spezies durchzuführen. Anders als einst die Albae geschah dies jedoch nicht aus Freude an Grausamkeit oder Leid, sondern mit einem anderen Ziel: Sie wollten ein neues Volk erschaffen, ähnlich den Draganern der Albae, jedoch gehorsam, kontrollierbar und vollkommen loyal gegenüber dem Bund der Erhabenen.
Dabei nutzten sie keine göttliche Schöpfungsmacht, wie sie allein den Göttern vorbehalten war. Stattdessen stützten sie sich auf Wissen, Forschung, arkane Studien und jahrhundertelang gesammelte Erkenntnisse über Leben, Magie und Vererbung. Sie begannen damit, verschiedene Spezies miteinander zu kreuzen, doch viele ließen sich auf natürlichem Wege nicht miteinander verbinden. Also griffen die Erhabenen zusätzlich auf Magie zurück. Die Verbindung aus wissenschaftlichem Verständnis, magischer Manipulation und kompromissloser Umsetzung führte schließlich zum Erfolg.
So erblickten um etwa 500 VMB die ersten Menschen das Licht der Welt.
Ja, ihr habt richtig vernommen: Die Menschen sind das Ergebnis der Schöpfungskraft des Bundes der Erhabenen.
Wie bereits erwähnt, bestand das Ziel darin, ein unterwürfiges Volk zu erschaffen, welches dem Bund bedingungslos dienen sollte. Andere Kulturen sollten dadurch zumindest teilweise vom Joch der Sklaverei entlastet werden können. Dies geschah jedoch keineswegs aus Mitgefühl oder Güte. Vielmehr erkannte der Bund, dass die stetig zunehmenden Rebellionen langfristig nicht mehr einzudämmen sein würden. Die Erhabenen benötigten eine neue Grundlage ihrer Herrschaft, wollten sie ihre Vorherrschaft über Gotara bewahren.
Und zunächst schien ihr Plan aufzugehen.
Die Menschen erwiesen sich als gehorsam, lernfähig und erstaunlich anpassungsfähig. Ihre Lebensspanne war im Vergleich zu den meisten Völkern eher durchschnittlich. Doch gerade diese Vergänglichkeit schien ihren Tatendrang anzutreiben. Sie waren neugierig, handwerklich geschickt und begierig darauf, die Lehren ihrer Herren aufzunehmen. Zudem vermehrten sie sich rasch und ließen sich vergleichsweise leicht lenken und beeinflussen.
Aus Sicht des Bundes schienen die Menschen die Lösung nahezu aller Probleme zu sein.
Bereits um 400 VMB existierten große menschliche Gemeinschaften in vielen Regionen Gotaras. Noch waren sie längst nicht so zahlreich verbreitet wie in der heutigen Zeit, doch ihre Anzahl war bereits beachtlich. Der Bund siedelte Menschen in nahezu allen Gebieten an, die seinem Hoheitsgebiet unterstanden.
Die einheimischen Kulturen begegneten ihnen zunächst mit Misstrauen, akzeptierten ihre Anwesenheit jedoch meist widerwillig, da das Auftreten der Menschen vielerorts dazu führte, dass andere Völker zumindest teilweise von der direkten Sklaverei befreit wurden. Zwar blieben die Reiche weiterhin dem Bund unterworfen, doch die schwersten Dienste und niedrigsten Arbeiten übernahmen nun zunehmend die Menschen.
Nicht überall verlief dies jedoch gleichermaßen.
Die Gebirge, in welchen viele Drachen des Bundes lebten, blieben weitgehend frei von menschlichen Siedlungen. Drachen duldeten Menschen dort nur selten dauerhaft. Zwar wurden Menschen eingesetzt, um in Minen oder Steinbrüchen zu arbeiten, doch nach ihrem Tagewerk mussten sie die Gebirge wieder verlassen.
Die Zwerge hingegen wurden als einziges Volk kaum von ihren Diensten entbunden. Dafür galten sie den Erhabenen als zu wertvoll. Ihre Fähigkeiten als Handwerker, Schmiede, Bergleute und Baumeister waren unersetzlich geworden, und so blieb das Volk der Zwerge weiterhin tief im Netz der Unterdrückung gefangen.
Entsprechend loderten auch die Flammen des zwergischen Grolls unvermindert weiter.
Die Luminis-Refugien
Die frei schwirrenden Monde über Gotara schienen mehrfach nur knapp an unserer Welt vorbeizuziehen. Manche Aufzeichnungen berichten sogar davon, dass einzelne Monde zeitweise den Himmel vollständig dominierten und Nächte in ein unheilvolles Zwielicht tauchten. Dem Bund der Erhabenen, insbesondere den Eldari, wurde zunehmend bewusst, dass gehandelt werden musste. Früher oder später würde eine Kollision wohl unvermeidlich sein und damit womöglich das Ende allen Lebens auf Gotara.
So reifte innerhalb des Bundes ein neuer Plan. Vor allem die Eldari waren überzeugt davon, ihren früheren Fehler korrigieren zu können. Sie wollten ein weiteres Ritual vorbereiten, eines, welches die Monde zurück an ihre ursprünglichen Positionen führen und die Ordnung des Firmaments wiederherstellen sollte.
Doch diesmal wollte der Bund vorbereitet sein, falls erneut etwas schiefging.
Etwa um 380 VMB begann der Bund der Erhabenen daher mit dem Bau der sogenannten Luminis-Refugien. Offiziell wurden diese Anlagen kaum erwähnt und ihre Existenz möglichst geheim gehalten. Die Eldari entwarfen die gewaltigen Bauwerke, berechneten ihre Strukturen und bestimmten ihre geheimen Standorte. Die eigentliche Arbeit jedoch verrichteten ihre Sklaven, vor allem Menschen und Zwerge, welche über Jahrzehnte hinweg unter brutalen Bedingungen schufteten, um die riesigen Anlagen zu errichten.
Die Luminis-Refugien waren keine gewöhnlichen Festungen oder Städte. Es handelte sich um gewaltige, abgeschottete Zufluchtsorte, verborgen tief unter Gebirgen, innerhalb massiver Felsformationen oder unter abgelegenen Regionen fern großer Handelswege. Manche Zugänge wurden hinter künstlichen Felsschichten verborgen, andere durch arkane Schleier verborgen oder mit komplexen Mechanismen versiegelt. Ziel war es, die Refugien selbst dann verborgen zu halten, wenn große Teile der Oberfläche verwüstet werden sollten.
Im Inneren waren die Luminis-Refugien darauf ausgelegt, ganze Kulturen über lange Zeiträume hinweg aufnehmen zu können. Gewaltige Hallen, Wohnbezirke, Lagerstätten, Wasserreservoirs, Pilz- und Pflanzenkammern sowie eigene Schmieden und Werkstätten gehörten zur Grundstruktur vieler Anlagen. Hinzu kamen künstliche und arkane Lichtquellen, welche am Tag leuchteten und in der Nacht abdunkelten, zugleich jedoch Wärme spendeten. Einige Refugien besaßen sogar unterirdische Seen oder ausgeklügelte Systeme zur Luftzirkulation und Wasseraufbereitung.
Die größten dieser Anlagen erreichten Ausmaße, die eher unterirdischen Städten oder gar ganzen Metropolen glichen als bloßen Schutzanlagen.
Nach außen zu den Arbeitern hin rechtfertigten die Eldari den Bau mit Vorsichtsmaßnahmen angesichts der instabilen Monde und der zunehmenden Naturkatastrophen. Doch viele Sklaven, insbesondere unter den Zwergen, waren überzeugt, dass die Erhabenen selbst nicht mehr vollständig an den Erfolg ihres geplanten Rituals glaubten. Manche sahen in den Luminis-Refugien daher weniger einen Ausdruck von Fürsorge als vielmehr den Beweis dafür, dass selbst der Bund der Erhabenen eine weitere Katastrophe erwartete.
Zu jener Zeit waren die Luminis-Refugien jedoch lediglich Vorbereitungen auf ein Ereignis, welches vielleicht niemals eintreten sollte.
Nun ja, heute wissen wir es besser.
Die Luminis-Refugien wurden irgendwann bevölkert und schließlich verschlossen. Viele von ihnen haben sich inzwischen geöffnet oder wurden entdeckt. Manche wurden gewaltsam von außen aufgebrochen, geplündert oder durch Naturkatastrophen zerstört. Wieder andere gelten bis heute als verschollen und sollen noch immer verborgen in den Tiefen Gotaras ruhen.
Der Krieg der Befreiung
Die freien Zwerge sahen das Leid ihrer versklavten Verwandten schon seit Generationen mit an. Tief unter den Gebirgen hatten sie inzwischen eigene Siedlungen, Festungen und verborgene Reiche errichtet. Ihre unterirdische Heimat war befestigt und stark genug geworden, um offen Widerstand wagen zu können. Schließlich kamen sie zu dem Entschluss, dass die Zeit gekommen war, ihre versklavten Brüder und Schwestern zu befreien und zu sich zu holen.
Auch unter den versklavten Zwergen selbst wuchs der Wunsch nach Freiheit immer weiter an. So entstand über viele Jahre hinweg ein verborgenes Netzwerk zwischen den freien und den versklavten Zwergen. Informationen wurden ausgetauscht, Fluchtrouten vorbereitet und geheime Absprachen getroffen. Waffen verschwanden aus Lagerhäusern des Bundes und tauchten in verborgenen Tunneln wieder auf. Botschaften wurden heimlich durch Minenschächte, Karawanen oder zwergische Handwerker weitergegeben.
294 VMB schlugen die Zwerge schließlich zurück.
In zahlreichen Regionen erhoben sich zwergische Sklaven nahezu zeitgleich gegen ihre Unterdrücker und diesmal standen sie nicht allein da. Die freien Zwergenreiche griffen koordiniert aus den Tiefen der Berge heraus an und überzogen die Herrschaftsgebiete des Bundes mit überraschenden Angriffswellen.
Doch so bemerkenswert der zwergische Widerstand auch war, die eigentliche Wende des Krieges brachten überraschenderweise die Menschen.
Zahlreiche Menschen schlossen sich den Zwergen an und kämpften erbittert um ihre eigene Freiheit. Viele von ihnen hatten erkannt, dass sie für den Bund trotz aller Versprechen niemals mehr als Werkzeuge bleiben würden. Aus Dienern wurden Aufständische und aus Unterworfenen ein Heer, welches der Bund in diesem Ausmaß niemals erwartet hatte.
Es entbrannte ein erbarmungsloser Krieg.
Der Bund der Erhabenen wurde von der Geschwindigkeit und dem Ausmaß der Aufstände derart überrascht, dass es ihm nicht gelang, rechtzeitig ausreichende Gegenmaßnahmen einzuleiten. Zwar konnten Eldari, Elfen und insbesondere die Drachen ihre Herrschaft über große Teile Gotaras behaupten, doch die Verluste waren enorm. Schließlich sah sich selbst der Bund gezwungen, die Freiheit der Zwerge und Menschen anzuerkennen.
Der erste Aufbruchstag im Blütefest des Jahres 281 VMB ging später als Tag der Befreiung in die Geschichte ein. Bis heute gilt dieses Datum in vielen Kulturen als Feiertag, an welchem die Arbeit ruht. Besonders unter den Zwergen besitzt dieser Tag jedoch eine tiefere Bedeutung. Sie gedenken dann nicht nur jener Ahnen, welche unter dem Joch der Sklaverei lebten, sondern auch all jener, die im Krieg gegen ihre Unterdrücker gefallen sind.
Für den Bund der Erhabenen bedeutete dies einen gewaltigen Schlag.
Mit dem Verlust der Menschen und Zwerge fehlten plötzlich unzählige Arbeitskräfte. Die wenigen verbliebenen Sklaven reichten längst nicht mehr aus, um sämtliche niederen Arbeiten verrichten zu lassen. Besonders die Drachen bekamen dies zu spüren. Bislang mussten sie sich kaum selbst um Nahrung kümmern, denn arbeitsunfähige Sklaven wurden ihnen häufig wie Vieh vorgeworfen.
Nun aber war dieser Nachschub nahezu versiegt.
Die Drachen begannen wieder selbst zu jagen und ihnen war gleichgültig, ob ihre Beute aus wilden Tieren oder kulturschaffenden Wesen bestand. Eldari und Elfen blieben von diesen Jagden verschont, schließlich gehörten sie weiterhin zum Bund der Erhabenen, auch wenn dieser längst nicht mehr so erhaben wirkte wie in früheren Epochen.
Die Stämme der Ödlande
In jene rauen Regionen Gotaras, in welche Grashkorr einst sein Volk gestoßen hatte, damit die Orks lernten, sich selbst zu behaupten und zu überleben, drangen um etwa 272 VMB zunehmend auch andere Kulturen vor. Staubige Steppen, felsige Hochländer und unerbittliche Ödlande galten lange als lebensfeindliche Regionen, doch nun fanden sich dort vermehrt Goblins und Menschen ein.
Die Orks betrachteten diese Neuankömmlinge zunächst als unliebsame Eindringlinge, welche es zu vertreiben, zu bezwingen oder zu vernichten galt. Doch die Zahl der Fremden war groß und so entbrannten zahlreiche brutale Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Gruppen. Viele Orks, Goblins und Menschen verloren in jener Zeit ihr Leben.
Die Goblins erwiesen sich den Orks körperlich meist deutlich unterlegen. Schon bald begannen viele Orkstämme damit, gefangene Goblins zu versklaven. Dieser Zustand sollte an zahlreichen Orten bis in die heutige Zeit fortbestehen. Selbst dort, wo Orks und Goblins mittlerweile nebeneinander leben oder handeln, betrachten die meisten Orks die Goblins noch immer nicht als ebenbürtig.
Die Menschen jener Regionen entwickelten sich unterdessen zu rauen und widerstandsfähigen Barbarenstämmen. Das harte Leben der staubigen Ebenen, steinernen Hochländer und unwirtlichen Ödlande formte sie ebenso wie die ständigen Konflikte mit den Orks und den Gefahren der Wildnis. Einige dieser frühen Stämme bestehen bis heute fort und berufen sich stolz auf ihre Ahnen jener Epoche.
Zwar kam es auch in den folgenden Jahrhunderten immer wieder zu Kämpfen zwischen Orks, Goblins und Menschen, doch allmählich entstand zwischen vielen Gruppen ein grundlegendes Verständnis füreinander. Besonders der gemeinsame Glaube an Grashkorr, welchem sowohl viele Orks als auch zahlreiche menschliche Barbaren huldigten, spielte dabei vermutlich eine nicht unbedeutende Rolle.
So entwickelte sich gegen etwa 106 VMB in Teilen jener rauen Regionen eine Form gegenseitiger Akzeptanz. Keine wirkliche Einheit oder gar Freundschaft, wohl aber das Verständnis dafür, dass das Überleben in den gnadenlosen Ödlanden oftmals wichtiger war als endlose Stammesfehden.
Der Mondbruch
Irgendwann zwischen 45 und 32 VMB wurden die Luminis-Refugien schließlich durch den Bund der Erhabenen und ihre verbliebenen Sklaven fertiggestellt.
Die Eldari sahen nun die Zeit gekommen, ihr großes Ritual zu vollziehen. Jenes Ritual, mit welchem die drei Monde zurück auf ihre ursprünglichen Umlaufbahnen geführt werden sollten.
Doch anders als beim gescheiterten Versuch des achten Zeitalters wollten die Erhabenen diesmal vorbereitet sein.
Zur Sicherheit beschlossen sie, ausgewählte Mitglieder des Bundes, Angehörige der Draganer sowie zahlreiche Sklaven in die Luminis-Refugien zu entsenden, damit ihr Überleben gesichert sei, sollte das Ritual scheitern. Die Zahl der errichteten Refugien war groß, weshalb zunächst nur ein Teil von ihnen besiedelt wurde, während andere leer blieben.
Die bewohnten Luminis-Refugien wurden schließlich versiegelt. Ihre Bewohner sollten frühestens nach tausend Jahren wieder das Antlitz Gotaras erblicken oder eben ihre Nachkommen, denn längst nicht alle Bewohner jener Anlagen waren unsterblich wie die Eldari.
Nachdem die Refugien verschlossen worden waren, begannen die letzten Vorbereitungen für das Ritual. Schließlich begannen die Eldari im Jahr 4 VMB mit ihrem Werk, einem Ritual, welches insgesamt vier Jahre andauern sollte.
Während der ersten drei Jahre schien sich kaum etwas zu verändern. Viele glaubten bereits, die Eldari seien erneut gescheitert oder ihre Bemühungen würden sich über weitere Jahrzehnte hinziehen.
Doch dann begannen sich die Monde zu bewegen.
Nicht mehr chaotisch und ziellos wie in den Jahrhunderten zuvor, sondern langsam und nahezu geordnet. Stück für Stück näherten sie sich wieder ihren ursprünglichen Bahnen um den blauen Stern Uryenas.
Die Eldari schienen tatsächlich Erfolg zu haben.
Dann jedoch geschah die Katastrophe.
Kurz bevor der rote Mond seine vorgesehene Umlaufbahn erreichte, kollidierte er mit einem bislang unbeachteten Himmelskörper. Manche sprechen von einem wandernden Stern, andere von einem gewaltigen Meteoriten oder einem uralten Fragment aus den Tiefen des Firmaments. Was genau den roten Mond traf, konnte ich trotz umfangreicher Recherchen niemals mit Gewissheit herausfinden.
Gewiss ist nur, dass der rote Mond aufbrach.
Nicht vollständig, doch gewaltige Teile seines Körpers wurden herausgerissen. Das Firmament selbst schien zu erzittern und der Himmel Gotaras wurde von brennenden Fragmenten erfüllt.
Dieses Ereignis kennen wir heute als den Mondbruch.
Jenen Tag, welcher schließlich zum Ursprung unserer heutigen Zeitrechnung wurde.
Die Jahre des zerrissenen Himmels
Zwar befanden sich die Monde nun wieder auf ihren angestammten Umlaufbahnen und auch die astralen Ströme des blauen Sterns stabilisierten sich allmählich, doch der Preis dafür war verheerend.
Vor allem in den Jahren 0 bis 42 NMB stürzten immer wieder gewaltige Fragmente des beschädigten roten Mondes auf Gotara nieder.
Die Einschläge besaßen eine Kraft, welche selbst die mächtigste Magie der Eldari nicht aufhalten konnte. Ganze Landstriche wurden ausgelöscht und in rauchende Kraterlandschaften verwandelt. Wo einst Wälder standen, blieben nur verbrannte Ebenen zurück. Flüsse änderten ihren Verlauf oder verdampften vollständig. Küsten zerbarsten unter gewaltigen Flutwellen und selbst Gebirge wurden durch die Einschläge gespalten oder zum Einsturz gebracht.
Mit jedem herabstürzenden Fragment schien die Welt selbst aufzuschreien.
Gewaltige Erdbeben erschütterten ganze Kontinente. In zahlreichen Regionen brachen Vulkane gleichzeitig aus und schleuderten Asche und Feuer in den Himmel. Glühende Gesteinsbrocken regneten über Städte und Wälder nieder, während schwarze Wolken aus Asche das Sonnenlicht verdunkelten. In manchen Regionen herrschte jahrelang nahezu völlige Dunkelheit, lediglich erhellt durch brennende Wälder, Lavafelder oder die glühenden Spuren weiterer Mondfragmente am Firmament.
Die Meere gerieten ebenso aus dem Gleichgewicht. Gewaltige Flutwellen verschlangen Küstenregionen und ganze Inseln verschwanden in den Tiefen der Ozeane. Andere Landmassen wiederum wurden durch tektonische Verschiebungen neu aus dem Meer gehoben. Die natürliche Ordnung selbst schien in jenen Jahrzehnten völlig außer Kontrolle geraten zu sein.
Hinzu kamen Hunger, Seuchen und unzählige Flüchtlingsströme. Ernten verdarben unter Ascheregen und verdunkeltem Himmel. Tiere flohen aus ihren Lebensräumen oder starben in gewaltigen Zahlen. Viele Kulturen wurden ausgelöscht, noch ehe sie sich jemals vollständig entfalten oder Eingang in die Chroniken finden konnten.
Selbst der Bund der Erhabenen erlitt schwere Verluste. Zahlreiche Städte, Archive und Außenposten gingen unter den Einschlägen verloren. Manche Regionen wurden vollständig aufgegeben, da sie auf Jahrzehnte hinaus unbewohnbar geworden waren. Und dennoch gelang es dem Bund der Erhabenen, aus Gründen, die selbst heutige Gelehrte nicht vollständig erklären können, seine Vorherrschaft über große Teile Gotaras aufrechtzuerhalten. Vielleicht lag es an der schieren Macht der Drachen, vielleicht an der alten Ordnung, an welche sich viele Kulturen trotz aller Katastrophen klammerten, oder vielleicht schlicht daran, dass in Zeiten völligen Chaos selbst eine bröckelnde Herrschaft noch immer besser erschien als gar keine Ordnung mehr. Gewiss ist nur, dass der Bund trotz aller Verluste nicht zerfiel und noch lange Zeit über Gotara herrschen sollte.
Die Luminis-Refugien und ihre Bewohner blieben größtenteils verschont. Tief verborgen im Inneren der gewaltigen Anlagen waren sie vor den Verwüstungen der Oberfläche geschützt. Doch nicht alle Refugien hatten solches Glück. Einige wurden von direkten Einschlägen der Mondfragmente getroffen und mitsamt ihren Bewohnern ausgelöscht. Andere zerbarsten, als ganze Kontinentalplatten sich verschoben, Gebirge aufrissen oder gewaltige Sintfluten in ihre Tiefen eindrangen. Wieder andere wurden unter unvorstellbaren Gesteinsmassen begraben, als Berge einstürzten oder Erdspalten sich über ihnen schlossen.
Jene Refugien jedoch, die Bestand hielten, sollten noch für sehr lange Zeit verschlossen bleiben, verborgen vor den Augen der Welt und oft vergessen. Manche von ihnen werden sich vermutlich niemals wieder öffnen lassen.
Jene Epoche ging später als die Jahre des zerrissenen Himmels in die Geschichte ein.
Auch wenn die verheerendsten Einschläge primär zwischen 0 und 42 NMB stattfanden, bedeutet dies nicht, dass sämtliche Fragmente des roten Mondes damals auf Gotara niedergegangen wären. Selbst in unserer Gegenwart ziehen noch immer zahllose Bruchstücke des roten Mondes ihre Bahnen um unsere Welt. Bislang jedoch scheinen sie durch die Anziehungskraft des roten Mondes selbst gebunden zu bleiben, weshalb sie derzeit nicht den Eindruck erwecken, erneut auf Gotara niederzustürzen.
42 Jahre lang lebte Gotara im Schatten des zerbrochenen Mondes.
Und so endete schließlich das neunte Zeitalter – eine Epoche des Umbruchs, des Untergangs und der Narben, welche unsere Welt bis heute prägen.










