Die Chroniken von Gotara

Wenn ihr diese Zeilen lest, sitze ich vermutlich an meinem Schreibtisch, umgeben von Stapeln, die ich seit Jahren zu ordnen verspreche und es nie tue. Oder ich bin bereits tot. Beides ist möglich.

Mein Name ist Andela von Sturmfels, und ich war einmal die Frau, die man nicht kommen hörte. Nicht weil ich besonders leise gewesen wäre, sondern weil niemand damit rechnete, dass jemand aus einer Richtung käme, aus der kein bei Sinnen seiendes Wesen aufzutauchen pflegte. Jahrzehntelang zog ich durch Gotara, durch Reiche, die auf Karten stehen und durch solche, die es aus gutem Grund nicht tun. Ich wühlte mich durch Ruinen, die niemand mehr betreten wollte, lauschte Gelehrten, die mich belehrten, und Scharlatanen, die mich belogen. Ich saß am Feuer einsamer Wanderer und in den tiefsten Hallen der Zwerge, trank schlechten Wein in Hafenkneipen und guten Tee an Orten, deren Namen ich noch immer nicht sauber aussprechen kann. Ich stellte Fragen, die unerwünscht waren, und bekam Antworten, die ich mir nicht erhofft hatte – in beide Richtungen.

Dann wurden meine Beine schwerer. Nicht plötzlich, nicht dramatisch. Einfach langsam, wie es bei den meisten Dingen ist, die enden. Eines Morgens bemerkte ich, dass ich den Wanderstab länger als Stütze benutzt hatte als als Werkzeug. Also legte ich ihn nieder und griff zur Feder.

Was als Notizen begann – hingeworfen auf allem, was gerade zur Hand war – wuchs über die Jahre zu diesem Werk heran. Dass es heute manchen Gelehrten als Referenz dient, amüsiert mich ehrlich gesagt noch immer. Ich bezweifle, dass sie sich vorstellen können, unter welchen Umständen manche dieser Erkenntnisse entstanden sind.

Doch bevor ihr weiterlest, eine Warnung, die ich euch nicht ersparen werde: Geschichte lügt nicht, aber sie erzählt auch nie alles. Jede Geschichte trägt die Handschrift derer, die sie verfasst haben. Ihre Herkunft, ihre blinden Flecken, ihre unausgesprochenen Überzeugungen. Ich bin eine menschliche Frau aus dem imperialen Kaiserreich und das prägt, wie ich die Welt sehe – ob ich will oder nicht. Manches davon wird in diesen Seiten stehen, ohne dass ich es selbst bemerke. Das ist keine Entschuldigung. Es ist eine Warnung. Lest kritisch.

Denn die Vergangenheit ist kein fertiges Bild. Sie ist ein Mosaik, von dem niemand alle Steine kennt und von dem immer wieder neue Stücke auftauchen, die alles verschieben, was man zu wissen glaubte. Welche Wahrheiten liegen noch verborgen? Welche Irrtümer habe ich selbst weitergetragen, ohne es zu ahnen? Diese Fragen lassen mich nicht schlafen. Vermutlich werden sie es auch nie tun.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, weshalb dieses Werk entstanden ist. Die Chroniken von Gotara sind keine Zusammenfassung gesicherter Fakten. Sie sind eine Reise. Durch Zeiten voller Wunder und Schrecken, durch vergessene Reiche und halbverstandene Legenden, durch Zeitalter, die wir kaum noch begreifen und solche, deren Narben wir noch heute tragen.

Wenn ihr am Ende dieser Reise Gotara mit anderen Augen betrachtet – gut. Wenn ihr anfangt, eigene Fragen zu stellen – noch besser.

Öffnet nun gemeinsam mit mir die Tore der Geschichte.